Bülent Yildiz war einst Lehrer und Gewerkschafter in der Türkei – bis er nach dem gescheiterten Putschversuch von 2016 Opfer der groß angelegten Säuberungen wurde. Heute verdient er seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Feuerzeugen auf einem Markt. „Ich bin den Bürgertod gestorben“, sagt der 45-Jährige im Gespräch mit dem Tagesspiegel.
Vom Klassenzimmer zum Marktstand
Früher, so erzählt Yildiz, sei er einmal pro Woche in eine Kneipe gegangen, um mit Freunden zu trinken und Volkslieder zu singen. „Jetzt frage ich mich manchmal: Wann habe ich das letzte Mal gesungen? Wann war ich das letzte Mal mit Freunden zusammen? Keiner von ihnen ruft mehr an oder fragt nach mir.“ Der Abstieg war radikal: Nach seiner Entlassung als Lehrer fand er keine Anstellung mehr im öffentlichen Dienst, da er auf einer schwarzen Liste stand. Seine Gewerkschaftsmitgliedschaft und sein Einsatz für Bildung wurden ihm zum Verhängnis.
Säuberungen nach dem Putschversuch
Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 verhängte die türkische Regierung den Ausnahmezustand und leitete eine beispiellose Säuberungswelle ein. Zehntausende Staatsbedienstete, darunter Lehrer, Richter, Polizisten und Soldaten, wurden entlassen oder suspendiert. Offiziellen Angaben zufolge wurden allein im Bildungssektor über 35.000 Lehrer entlassen. Viele von ihnen, wie Yildiz, wurden beschuldigt, Verbindungen zur Gülen-Bewegung zu haben, die von der Regierung für den Putsch verantwortlich gemacht wird. Yildiz bestreitet jegliche Verbindung und betont, dass er nie Mitglied der Bewegung war.
Existenzielle Not und soziale Isolation
Der Verlust des Arbeitsplatzes hatte nicht nur finanzielle, sondern auch tiefgreifende soziale Folgen. „Viele meiner ehemaligen Kollegen und Freunde meiden mich aus Angst, selbst ins Visier zu geraten“, erklärt Yildiz. Er lebt von Gelegenheitsjobs, der Verkauf von Feuerzeugen bringt kaum genug zum Überleben. „Ich habe alles verloren: meinen Beruf, mein Ansehen, mein soziales Netz. Ich bin ein Niemand mehr.“
Die psychischen Belastungen sind enorm. Yildiz leidet unter Schlaflosigkeit und Depressionen. „Ich fühle mich wie ein Gespenst in der eigenen Stadt“, sagt er. „Die Gesellschaft hat mich ausgespuckt.“
Kein Ende der Säuberungen in Sicht
Obwohl der Ausnahmezustand 2018 offiziell aufgehoben wurde, setzt die türkische Regierung die Säuberungen fort. Laut Menschenrechtsorganisationen sind bis heute über 130.000 Staatsbedienstete entlassen worden, und rund 50.000 Menschen sitzen in Untersuchungshaft. Die Betroffenen haben kaum rechtliche Mittel, um gegen ihre Entlassung vorzugehen. Yildiz‘ Fall ist einer von vielen, die zeigen, wie die Säuberungen ganze Existenzen zerstören.
„Ich habe keine Hoffnung mehr, je wieder als Lehrer arbeiten zu können“, gesteht Yildiz. „Mein einziger Wunsch ist, dass die Wahrheit ans Licht kommt – und dass die Menschen nicht vergessen, was mit uns passiert ist.“



