Die Zerstörung russischer Raffinerien durch ukrainische Drohnenangriffe führt zu einem drohenden Diesel-Engpass in Europa. Laut einer Analyse des Energiemarkt-Datenanbieters Kpler liegt das größte Risiko für die Kraftstoffversorgung nicht in fehlendem Rohöl, sondern in mangelnden Raffineriekapazitäten. Obwohl Europa keinen Treibstoff mehr aus Russland importiert, ist der Rückgang der russischen Dieselproduktion hier deutlich spürbar.
Angriffe auf Raffinerien als strategisches Mittel
Die Ukraine hat in ihrem Abwehrkampf gegen die russische Invasion in den letzten Monaten gezielt die bedeutendsten Raffinerien Russlands ins Visier genommen. Die unmittelbare Folge ist eine schwere Störung der Treibstoffversorgung in Russland selbst. Im ganzen Land wird von langen Schlangen an den Tankstellen berichtet, die Kraftstoffpreise sind stark gestiegen. Darüber hinaus sind die Auswirkungen weltweit zu spüren, auch in Europa und Deutschland.
Auswirkungen auf den globalen Dieselmarkt
Russland ist ein wichtiger Diesellieferant für Länder wie Brasilien, die Türkei und Nordafrika. Diese Staaten müssen sich nun neue Anbieter suchen, etwa die USA, Indien oder Nigeria. Damit werden sie zu direkten Konkurrenten für Europa, das von dort einen erheblichen Teil seines Diesels importiert. Superbenzin in Europa ist von diesen Entwicklungen weniger betroffen, da deutsche Raffinerien mehr Benzin herstellen, als hierzulande benötigt wird, und den Kraftstoff exportieren.
Exportverbot und sinkende Exporte
Die Bank Morgan Stanley warnte vor wenigen Tagen vor einem „Diesel-Engpass“. Die Bestände an dem Treibstoff dürften im Laufe dieses Jahres auf ein mehrjähriges Tief fallen. Sarah Raffoul, Senior-Analystin für Ölprodukte bei Argus Media, erklärt: „Zunehmende Störungen in russischen Raffinerien infolge einer Zunahme ukrainischer Drohnenangriffe dürften sich stärker auf die Dieselversorgungslage auswirken.“ Dies gelte insbesondere nach dem kürzlich angekündigten russischen Exportverbot für Diesel. Wie streng das Exportverbot umgesetzt wird, bleibe abzuwarten, so Raffoul. Doch schon im Juni waren die Dieselexporte Russlands um mehr als 60 Prozent zurückgegangen. Berichten zufolge führt Russland inzwischen sogar Treibstoff aus Indien ein, um die Nachfrage im eigenen Land zu bedienen.
Raffineriemarge auf Rekordhoch
Dass die Raffinerien inzwischen zum Flaschenhals der Treibstoffversorgung in Europa geworden sind, ist unter anderem am „Crack Spread“ ablesbar. Dieser auch als Raffinerie-Marge bezeichnete Wert beziffert die Differenz zwischen dem Preis für das Rohöl und den hergestellten Produkten. Steigen die Preise für Kraftstoffe stärker als der Rohölpreis, bleibt für die Raffinerien eine höhere Marge übrig. Unmittelbar nach der Verkündung des russischen Exportverbots sprang dieser Wert für Diesel in Europa auf die Rekordhöhe von 65 Dollar.
Blockade der Straße von Hormus verstärkt Engpass
Der Rückgang der russischen Raffinerieproduktion hat weltweit auch deswegen so starke Auswirkungen, weil durch die Blockade der Straße von Hormus bereits seit Monaten wichtige Kraftstofflieferanten vom Weltmarkt weitgehend abgeschnitten sind. Europa konnte das teilweise ausgleichen durch zusätzliche Importe aus den USA und eine Erhöhung der eigenen Produktion, musste aber auch auf Reserven zurückgreifen, die nun deutlich niedriger sind. Laut Argus Media waren die Exporte von Dieselproduzenten am Persischen Golf im Zuge des Iran-Konflikts um rund vier bis fünf Millionen Tonnen pro Monat zurückgegangen. Der russische Exportstopp könnte diesen Engpass zusätzlich noch einmal um die Hälfte verschärfen.



