Der Ukraine-Krieg geht in den 1577. Tag. Während die Kämpfe unvermindert andauern, sorgt ein diplomatischer Alleingang des EU-Ratspräsidenten für neuen Zoff innerhalb der Europäischen Union. Derweil setzt die Ukraine ihre Drohnenangriffe auf Moskau fort und verstärkt die Attacken auf den besetzten Hafen von Mariupol. Russland hingegen muss immer höhere Schulden für den Krieg aufnehmen. Ein Überblick über die aktuellen Entwicklungen.
EU-Ratschef Costa sorgt für Verstimmung
EU-Ratspräsident António Costa hat über seinen Kabinettschef Kontakt nach Russland aufgenommen, um vorsorglich diplomatische Kanäle zu öffnen – für den Fall, dass Russland zu Verhandlungen über ein Kriegsende in der Ukraine bereit ist. Was zunächst sinnvoll erscheint, entpuppte sich als höchst ungeschickter Alleingang. Bundeskanzler Friedrich Merz sieht dies als „Affront“. Der Christdemokrat hatte mehrfach betont, zusammen mit Frankreich und Großbritannien eine führende Rolle bei künftigen Gesprächen spielen zu wollen. Costa hätte sich der Empfindlichkeiten bewusst sein müssen.
Unterstützung erhält Costa hingegen vom lettischen Ministerpräsidenten Andris Kulbergs, der sich wünscht, dass der Portugiese für die EU am Verhandlungstisch sitzt. Doch in den Medien bleibt vor allem der Eindruck hängen: „Europa streitet sich mal wieder.“ Dabei waren die Europäer eigentlich zu einem Gipfel zusammengekommen, um Geschlossenheit gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu demonstrieren. Dieses Ziel scheint verfehlt. Russland wiederum nutzt die Uneinigkeit sogleich für sich. Außenminister Sergej Lawrow erklärte, die EU sei ohnehin kein geeigneter Verhandlungspartner, da sie zu parteiisch und an einer Niederlage Russlands interessiert sei.
Ukraine greift Moskau erneut mit Drohnen an
Nach dem Angriff vom Donnerstag scheint die Ukraine erneut Ziele in Moskau mit Drohnen attackiert zu haben. Darauf deuten nicht verifizierte Berichte und Videos auf der Plattform Bluesky hin. Die russischen Behörden haben sich bislang nicht offiziell dazu geäußert. Die nächtlichen Angriffe zeigen, dass die ukrainischen Streitkräfte trotz der dichten Luftverteidigung um die Hauptstadt weiterhin in der Lage sind, strategisch wichtige Ziele zu erreichen.
Ukraine verstärkt Angriffe auf Hafen von Mariupol
Das ukrainische Erste Asow-Korps weitet seine Angriffe auf russische Logistik- und Versorgungsstrukturen im besetzten Mariupol aus. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, richteten sich die jüngsten Angriffe gegen die Infrastruktur des Seehafens, den Russland als einen der wichtigsten Nachschubknotenpunkte im Süden der Ukraine nutzt. Die Angriffe zielen darauf ab, die russischen Versorgungslinien zu stören und die Verteidigungsfähigkeit der Besatzer zu schwächen.
Russischer Drohnenangriff auf zwei Frachter im Schwarzen Meer
Das russische Militär hat nach ukrainischen Angaben zwei zivile Handelsschiffe im Schwarzen Meer mit Drohnen angegriffen. Ein Besatzungsmitglied eines Schiffes unter panamaischer Flagge wurde dabei getötet, teilten Vizeregierungschef Olexij Kuleba und die Seehafenverwaltung bei Telegram mit. Die Angriffe auf zivile Schiffe werden international scharf verurteilt und verschärfen die ohnehin angespannte Lage in der Region.
Kritik russischer Militärblogger an mangelnder Flugabwehr
Ultranationalistische Blogger in Russland räumen ein, dass ukrainische Drohnen trotz der dichten Luftverteidigung rund um Moskau strategisch wichtige Ziele erreichen konnten. Diese Einschätzung wird durch eine Analyse des Institute for the Study of War (ISW) gestützt. Besonders scharf fällt die Kritik an den staatlichen Medien aus. Nach Angaben des ISW berichteten die großen Fernsehsender nur eingeschränkt über die Angriffe oder beschränkten sich auf offizielle Verlautbarungen. Eine ausführliche Analyse dazu bietet mein Kollege Andrey Shashkov.
Russland nimmt immer mehr Schulden auf
Russland ist zunehmend auf die Aufnahme von Inlandsschulden angewiesen, um den Krieg von Machthaber Wladimir Putin gegen die Ukraine zu finanzieren. Internationale Sanktionen haben den Zugang des Kremls zu ausländischen Finanzierungsquellen weitgehend abgeschnitten, wie Bloomberg berichtet. Nach Schätzungen der Nachrichtenagentur könnten die russischen Verteidigungsausgaben im Jahr 2026 die ursprünglichen Haushaltspläne um vier bis fünf Billionen Rubel (44 bis 55 Milliarden Euro) übersteigen – das wäre fast 40 Prozent mehr als ursprünglich vorgesehen.
Zitat des Tages: Andrzej Poczobut
Der belarussische Journalist Andrzej Poczobut, der fünf Jahre als politischer Gefangener in Haft saß, sagte im Interview: „Sie wollten, dass ich um Gnade bettle. Aber ich habe keine Reue gezeigt.“ Im April kam er durch einen von den USA vermittelten Gefangenenaustausch frei. Am Mittwoch nahm Poczobut den Sacharow-Preis für Menschenrechte im Europäischen Parlament in Straßburg entgegen. Der Preis war ihm während seiner Haft verliehen worden. Im Interview sprach er darüber, warum er trotz der schrecklichen Jahre nach Belarus zurückkehren will und warum er sicher ist, nicht wieder eingesperrt zu werden.



