Die Ukraine befindet sich in einer dramatischen Situation: Die Vorräte an Luftabwehrraketen sind nahezu erschöpft, während Russland seine Luftangriffe weiter intensiviert. Nur eine von 27 ballistischen Raketen konnte in der Nacht zu Samstag abgefangen werden, wie Präsident Wolodymyr Selenskyj mitteilte. Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer zeichnet im Interview mit ntv.de ein düsteres Bild der Lage und bewertet Kiews Angaben zu den eigenen Verlusten.
Patriot-Raketen als letzte Hoffnung
Selenskyj hat bei seinem Besuch in den USA versucht, Donald Trump von der Lieferung von 300 Patriot-Abwehrraketen zu überzeugen. Damit könnte die Ukraine den Zeitraum der nächsten Monate und des Winters überbrücken, bis das Land selbst Patriotraketen produziert. Laut Reisner sind für die von europäischen Ländern gelieferten Abwehrsysteme überhaupt keine oder kaum noch Raketen verfügbar. Die Produktionszahlen für das europäische System SAMP/T wurden auch im fünften Kriegsjahr nicht signifikant erhöht. Die USA stellen derzeit 650 Patriotraketen pro Jahr her und haben Aufträge verteilt, um die Produktion in den kommenden Jahren zu verdreifachen.
US-Sperrbestand und politischer Druck
Die USA halten offenbar einen Sperrbestand an Patriot-Raketen zurück, um im Falle eines Angriffs auf das eigene Land oder enge Verbündete gewappnet zu sein. Laut dem Institut CSIS ist der US-Bestand an Patriotraketen seit Februar von rund 2300 auf etwa 800 geschrumpft, auch wegen des Konflikts mit dem Iran. Trotzdem könnten die USA noch Raketen an die Ukraine abgeben, aber politisch ist das nicht gewollt. Reisner vermutet, dass Trump Selenskyj unter Druck setzen will, indem er die Lieferung verweigert, während er Moskau mit der Bereitstellung von Ziel- und Aufklärungsdaten für ukrainische Angriffe zu Verhandlungen bewegen will. Die Verweigerung eines Treffens mit Elon Musk deutet darauf hin, dass Trump beide Kriegsparteien zu einem Waffenstillstand vor den Midterms am 3. November bewegen will.
Winter wird härter
Der Druck auf beide Seiten steigt, aber der kommende Winter wird für die Ukraine noch härter als der vorangegangene. Wegen der russischen Angriffe auf die Infrastruktur kann die Ukraine jetzt schon nicht mehr ausreichend Strom für die kalte Jahreszeit produzieren. Die ukrainische Seite ist längst von Maximalforderungen abgerückt; es geht nicht mehr um Rückeroberungen, sondern nur noch um einen Waffenstillstand mit belastbaren Sicherheitsgarantien. Doch Putin geht darauf nicht ein. In Russland wird über eine neue Mobilisierungswelle spekuliert, möglicherweise bis zu 300.000 Männer nach der Dumawahl. Auch wenn die Ukraine mit Drohnen Widerstand leistet, bleibt es ein riesiges Problem, dass sie selbst nicht genügend Soldaten an die Front bringen kann.
Zahlen zu Verlusten unrealistisch
Selenskyj hat kürzlich Zahlen genannt: 50.000 getötete ukrainische Soldaten, 700.000 getötete Russen. Reisner hält diese Zahlen für nicht realistisch. Auf ukrainischer Seite gibt es viele Zehntausend Vermisste, deren Angehörige nicht die gleiche Versorgung erhalten wie Hinterbliebene mit offiziellem Totenschein. Die tatsächliche Zahl der getöteten und vermissten ukrainischen Soldaten geht in die Hunderttausende, auch wenn die Zahl getöteter Russen nochmals deutlich höher ist.
Anschlag in Moskau und Frontverlauf
Der Anschlag in Moskau am Wochenende galt offenbar dem Chef der russischen Luft- und Raumfahrtstreitkräfte, Alexander Chaiko. Solche Attentate sollen die Führungsfähigkeit des russischen Militärs einschränken und Misstrauen unter den Führungskadern säen. An der Front richtet sich das Schwergewicht der russischen Angriffe weiter gegen den Mittelabschnitt, um den ukrainischen Festungsgürtel im Donbas zu überwinden. Im Südabschnitt versucht Russland, sich entlang des Dnepr Saporischschja zu nähern, was die Ukrainer bislang verhindern konnten. Die Stadt bleibt durch Gleitbomben bedroht, die aus sicherer Distanz abgefeuert werden.
Wirtschaftlicher Druck und Ausblick
Die Ukraine greift weiter russische Raffinerien und Logistikzentren an, etwa die Lagerhäuser von Wildberries. Diese Angriffe treffen viele mittelständische Unternehmen und erhöhen den wirtschaftlichen Druck auf Moskau. Eine Offensive in Cherson hält Reisner für unwahrscheinlich, da die Ukraine dafür Soldaten abziehen müsste, die selbst unterversorgt sind. Es bleibt ein Abnutzungskrieg, in dem beide Seiten auf die Ausdauer des Gegners setzen. Die Russen werden versuchen, die Ukraine im Winter ohne Strom und Heizung zu lassen, wenn diese nicht genügend Luftabwehrsysteme erhält. Russland hat zudem ein eigenes Satellitenkommunikationssystem namens Rassvet gestartet, das nur schwer zu stören ist, und profitiert von einem regen Austausch mit China.



