Kilometerlange Schlangen an Tankstellen, leere Regale in den Geschäften – Russland erlebt eine schwere Versorgungskrise. Doch anders als 1991, als die Bevölkerung massenhaft auf die Straße ging, bleibt die Protestbereitschaft heute gering. Der russische Journalist Vladimir Esipov analysiert in einem Gastkommentar die Gründe: Die Angst vor Repressionen ist größer als die Hoffnung auf Besserung.
Erinnerungen an 1991: Ein Sommer der Hoffnung
Esipov erinnert sich an den 20. August 1991, als er mit seiner Mutter in Leningrad (heute Sankt Petersburg) zu einer Protestkundgebung aufbrach. Zwei nasse Stofftücher in einer Plastiktüte – das war ihr Schutz gegen Tränengas. Einen Tag zuvor hatte ein „Notstandskomitee“ Präsident Gorbatschow gestürzt, Panzer rollten durch Moskau, die Zensur wurde wieder eingeführt. Der demokratische Bürgermeister Anatoli Sobtschak rief zum Widerstand auf. Esipov, damals 17, sah seinen Traum vom Journalismus bedroht: Nur zwei Wochen zuvor hatte er einen Studienplatz an der journalistischen Fakultät erhalten. Der Putsch machte alles zunichte.
Heutige Situation: Treibstoffmangel und lähmende Angst
Die heutige Krise ist anders. Zwar fehlt es an Treibstoff, die Wirtschaft leidet unter Sanktionen und Kriegswirtschaft. Doch die Menschen bleiben zu Hause. „Die Angst ist heute größer als die Hoffnung“, schreibt Esipov. Das repressive System unter Präsident Putin habe jede Opposition erstickt. Wer protestiere, riskiere Gefängnis oder noch Schlimmer. „Die Erinnerung an die blutige Niederschlagung der Proteste 2022 und die systematische Verfolgung von Regimekritikern sitzt tief.“
Vergleich der Protestkultur: 1991 versus 2026
1991 gab es trotz Putsch und Panzern eine breite zivilgesellschaftliche Bewegung. Heute fehle diese Basis. „Die Menschen haben gelernt, dass Widerstand sinnlos ist“, so Esipov. Hinzu komme die staatliche Propaganda, die jede Kritik als „Verrat“ brandmarke. Die wirtschaftliche Not sei zwar groß, aber die Bevölkerung sei durch jahrelange Indoktrination und Überwachungsmaßnahmen entmutigt.
Fazit: Ein Volk ohne Hoffnung
Esipov zieht ein düsteres Fazit: Solange die Angst vor Repressionen die Hoffnung auf Veränderung überwiege, werde es keine Massenproteste geben. „Die Russen haben gelernt, mit der Krise zu leben – nicht, sie zu bekämpfen.“ Der Treibstoffmangel sei ein Symptom, nicht die Ursache der politischen Stagnation.



