Berufungsprozess gegen Satiriker Tilly beginnt in Moskau
Berufungsprozess gegen Jacques Tilly in Moskau gestartet

Der Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly muss sich erneut vor einem Moskauer Gericht verantworten. An diesem Dienstag beginnt der Revisionsprozess vor dem Berufungsgericht des Moskauer Stadtgerichts. Die Verhandlung ist für den Morgen angesetzt, doch der genaue Gegenstand des Verfahrens bleibt unklar.

Tilly zeigt sich gelassen

Im April war Tilly in Abwesenheit zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Ob die Staatsanwaltschaft oder die Verteidigung die Revision beantragt hat, ist dem Satiriker nicht bekannt. „Ich nehme es gelassen“, sagte Tilly der Deutschen Presse-Agentur. „Es gehört zum Geschäft des Satirikers, dass man ab und zu auch sehr harte Reaktionen bekommt. Das ist eingepreist.“

Hintergrund des Verfahrens

Ein Moskauer Gericht hatte Tilly im April wegen Verletzung religiöser Gefühle und Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte verurteilt. Grundlage war unter anderem ein Karnevalswagen aus dem Jahr 2024, der Kremlchef Wladimir Putin in Uniform und den russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill beim homosexuellen Oralverkehr zeigte. Tilly hatte wiederholt Putin und den Ukraine-Krieg satirisch kritisiert.

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Die Verteidigung hatte Freispruch aus Mangel an Beweisen beantragt, während die Staatsanwaltschaft neun Jahre Straflager forderte. Die Pflichtverteidigerin erklärte, sie habe vergeblich versucht, Kontakt zum Angeklagten aufzunehmen. Die deutsche Botschaft in Moskau verfolgt den Prozess.

Keine Auslieferung, aber Reiseeinschränkungen

Eine Auslieferung von Deutschland nach Russland muss Tilly nicht befürchten. Allerdings könnte er bei Reisen in Länder Probleme bekommen, die mit Moskau zusammenarbeiten. Moskau könnte ihn zur Fahndung bei Interpol ausschreiben.

Die Bundesregierung kritisierte das Urteil als „absurdes Schauspiel“. Der deutsche Botschafter Alexander Graf Lambsdorff erklärte: „Die Verurteilung von Jacques Tilly zeigt, dass Kriminalisierung und Verfolgung freier Meinungsäußerung durch die russische Regierung unvermindert weitergehen – aber jetzt auch verstärkt im Ausland.“

Tillys satirische Arbeit

Tilly ist bekannt für seine bissigen Mottowagen im Düsseldorfer Rosenmontagszug. Seine Motive erscheinen regelmäßig auf Titelseiten deutscher und internationaler Presse. Mehrfach hat er Putin gewidmete Arbeiten geschaffen, etwa einen Wagen, der den Kremlchef in einer ukrainischen Wanne mit Blut zeigt. In diesem Jahr gab es einen Wagen, der Putin in Uniform zeigt, wie er die Düsseldorfer Karnevalsfigur Hoppeditz mit einem Schwert aufspießt.

Eine Staatsanwältin trug zudem Interviewaussagen Tillys zu seiner Kritik an Putins Krieg vor, darunter Vorwürfe gegen die russischen Streitkräfte wegen Tötung ukrainischer Zivilisten. Den Ermittlungsakten zufolge wird Tilly Hass auf Russen vorgeworfen.

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