Die Europäische Union steht vor großen Herausforderungen. Der Draghi-Report und der Letta-Report zeichnen ein düsteres Bild: Deindustrialisierung schreitet voran, die Wachstumslücke zu den USA wird größer, und der Binnenmarkt leidet unter erheblichen Handelshürden. Laut Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) betragen diese Hürden 45 Prozent auf Waren und sogar 110 Prozent auf Dienstleistungen – ein Vielfaches der Zölle, die Donald Trump einst verhängte.
Mehr Geld ist nicht die Lösung
Die typische Antwort der EU auf solche Probleme lautet: mehr Geld. Die EU-Kommission plant für den Zeitraum 2028 bis 2034 ein Budget von 1,763 Billionen Euro – ein Anstieg um 45 Prozent gegenüber dem aktuellen Rahmen. Das EU-Parlament fordert sogar 2,2 Billionen Euro. Während Deutschland, Schweden und andere als „frugal“ geltende Staaten diese Forderungen für überzogen halten, verlangen 16 Länder aus Süd- und Osteuropa noch höhere Ausgaben.
Doch die eigentliche Ursache für das Zurückfallen der EU liegt nicht im Geldmangel, sondern im Fehlen tiefgreifender Reformen. Diese könnten weitaus mehr bewirken als bloße Finanzspritzen. Welche Reformen sind nötig? Darüber diskutiert Daniel Stelter mit Dr. Daniel Gros, Direktor des Instituts für Europäische Politik an der Universität Bocconi. Gros, ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Leiter der Denkfabrik Centre for European Policy Studies in Brüssel, gilt als einer der renommiertesten EU-Ökonomen. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der EU-Wirtschaftspolitik.
Reformvorschläge für mehr Wettbewerbsfähigkeit
Gros betont, dass die EU dringend ihre Produktivität steigern muss. Dazu gehören Maßnahmen wie die Vollendung des Binnenmarkts, insbesondere im Dienstleistungssektor, sowie Investitionen in Verteidigung und Resilienz. In seinem Policy Brief Nr. 41 „Increasing European Productivity, Resiliency and Defence Production (and How to Pay for It)“ skizziert er gemeinsam mit Jacob Funk Kirkegaard konkrete Schritte. Auch die EPICENTER-Studie „An Alternative EU Budget“ vom Mai 2026 zeigt Wege auf, wie EU-Mittel effizienter eingesetzt werden könnten.
Statt Milliarden in Subventionen zu pumpen, plädiert Gros für eine Reform der EU-Finanzierung. Dazu zählen eine stärkere Ausrichtung auf gemeinsame Güter wie Verteidigung und Forschung sowie der Abbau von Bürokratie. Der Draghi-Report-Followup der Deutschen Bank Research unterstreicht die Dringlichkeit: „Need for speed – the Draghi report one year on“ warnt vor weiterem Zeitverlust.
Ein Aufruf zum Umdenken
Die Botschaft ist klar: Die EU braucht nicht mehr Geld, sondern eine Reformtherapie. Nur so kann sie ihre Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen und den Anschluss an die USA halten. Weitere Analysen und Einschätzungen zur Wirtschafts- und Finanzlage finden Sie unter think-bto.com. Monatliche Newsletter sind dort abonnierbar. Redaktionskontakt: podcast@think-bto.com.
Hinweis: „ABSTURZ – So retten wir Deutschland“ – das neue Buch von Daniel Stelter ist jetzt erhältlich, unter anderem bei Thalia, Amazon und geniallokal.



