Zum 150. Geburtstag der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth wird am 26. Juli 2026 erstmals die Oper „Rienzi“ auf dem Grünen Hügel aufgeführt. Damit bricht das Festival ein 150-jähriges Tabu, denn das Frühwerk Wagners galt bislang als nicht zum Kanon gehörig. Die Premiere wird von Nathalie Stutzmann dirigiert, die Inszenierung stammt von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka. Für Bayreuth ist dies nicht nur eine musikalische Premiere, sondern auch ein symbolischer Akt der Aufarbeitung, da „Rienzi“ als Lieblingsoper Adolf Hitlers bekannt ist.
Ein Tabubruch mit historischer Bedeutung
„Rienzi“ war für den jungen Richard Wagner der Durchbruch. Die Oper wurde 1842 in Dresden uraufgeführt und machte den Komponisten schlagartig berühmt. Das Stück handelt vom Aufstieg und Fall des römischen Volkstribuns Rienzi, der an Macht, Größenwahn und Verrat scheitert. Trotz dieses Erfolgs blieb „Rienzi“ in Bayreuth stets außen vor – aus mehreren Gründen.
Warum „Rienzi“ so lange tabu war
Wagner selbst distanzierte sich später von seinem Frühwerk. In seinen Augen war „Rienzi“ zu sehr an der italienisch-französischen Grand Opéra orientiert, mit fünf Akten, Massenszenen und großem Pathos. Für ihn begann der Bayreuther Kanon erst mit dem „Fliegenden Holländer“. Allerdings gibt es kein Testament oder formelles Verbot Wagners, das „Rienzi“ vom Festspielhaus ausschloss. Der Kanon beruht nach Angaben der Festspiele vor allem auf Briefen Wagners an König Ludwig II. aus dem Jahr 1882. Der Dramaturg Markus Kiesel betont gegenüber BR-Klassik: „Es ist nicht so, dass Wagner das Stück nicht gemocht oder ein Bayreuth-Verbot verhängt hat.“
Ein praktisches Problem war die fehlende Originalpartitur. Diese gilt als verschollen, und vollständiges Uraufführungsmaterial existiert nicht. Wagner selbst ließ verschiedene Fassungen und Kürzungen zu, später bearbeiteten Cosima Wagner und Wieland Wagner das Werk. Für die Bayreuther Aufführung 2026 musste eine Fassung rekonstruiert werden – ein musikalisches Detektivspiel.
Der Schatten Hitlers
Die schwerste Belastung für „Rienzi“ ist seine Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten. Adolf Hitler erklärte die Oper zu seiner Lieblingsoper und ließ die Ouvertüre bei Reichsparteitagen und staatlichen Feierlichkeiten spielen. Er interpretierte die Figur des Volkstribuns als Führerfigur und Vorbild für sich selbst. Dieser Missbrauch belastet das Werk bis heute. Das Regieteam um Szemerédy und Parditka will diese historischen Schichten freilegen und den Fall „Rienzi“ neu aufrollen.
Ein Jubiläum als Chance zur Aufarbeitung
Die Festspiele feiern 2026 ihr 150-jähriges Bestehen. Das Jubiläum wird nicht nur gefeiert, sondern auch genutzt, um die dunklen Seiten der Festspielgeschichte zu beleuchten. Das Stadtfestival „Festival150“ vereint historische Stücke mit modernen Formaten. Mit „Rienzi“ öffnet Bayreuth die Tür zu einem Werk, das bislang nicht zum heiligen Zehner-Kreis gehörte. Die Oper zeigt den jungen, weltoffenen Wagner vor seiner Erlösungsfixierung und zwingt Bayreuth zur Selbstbefragung: Was ist Tradition, was Ausgrenzung, und was nur eine Familienregel? Am Ende brennt in „Rienzi“ das Kapitol – und auf dem Grünen Hügel brennt die Frage: Darf Bayreuth mehr Wagner zeigen, als Wagner selbst vorsah? Die Antwort 2026 lautet: Ja, einmal und endlich.



