GKV: Kaum Wechsel trotz steigender Zusatzbeiträge – Wettbewerb lahmt
GKV: Kaum Wechsel trotz steigender Zusatzbeiträge

Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) wird für Millionen Beschäftigte immer teurer. Jede Krankenkasse erhebt zusätzlich zum allgemeinen Beitragssatz einen eigenen Zusatzbeitrag. Je nach Kasse liegt dieser derzeit zwischen gut zwei und rund vier Prozent des Bruttolohns, den Arbeitnehmer und Arbeitgeber jeweils zur Hälfte tragen. Wer die Beiträge vergleicht und zu einer günstigeren Kasse wechselt, kann bis zu mehreren Hundert Euro im Jahr sparen. Trotzdem bleibt der Großteil der gesetzlich Versicherten seiner Krankenkasse treu, wie die Studie „GKV-Check“ der Unternehmensberatung McKinsey zeigt, die dem Handelsblatt vorab vorliegt.

Idee der freien Kassenwahl verfehlt ihr Ziel

Dabei war genau das vor knapp 30 Jahren die Idee der Reform der „freien Krankenkassenwahl“. Mit deren Einführung sollten Versicherte selbst darüber entscheiden, welche Krankenkassen wachsen und welche Mitglieder verlieren. „Versicherte sollten so Druck auf die Anbieter ausüben“, sagt David Matusiewicz, Gesundheitsökonom an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management. Doch die Realität fällt anders aus. Matusiewicz zufolge erhöht zwar grundsätzlich die Möglichkeit eines Wechsels den Druck auf die Krankenkassen. „Gleichzeitig sind die Spielräume aber so begrenzt, dass der Wettbewerb nur ein kleines bisschen funktioniert“, sagt er.

Wenige Wechsler treiben den Wettbewerb

Wie genau dieser Wettbewerb heute tatsächlich aussieht, zeigen die McKinsey-Daten. Von den rund 3900 im Februar befragten gesetzlich Versicherten haben 83 Prozent ihre Krankenkasse in den vergangenen fünf Jahren nicht gewechselt. Lediglich 17 Prozent wechselten mindestens einmal. Und nur 10,1 Prozent planen innerhalb der kommenden zwölf Monate einen Wechsel. Für die große Mehrheit der Versicherten spielt der Wettbewerb zwischen den Krankenkassen aktuell also kaum eine Rolle. Gleichzeitig verschärft er sich aber innerhalb der vergleichsweise kleinen Gruppe von Wechslern und Wechselwilligen.

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Preis ist entscheidend

Dass trotz steigender Preisunterschiede nur wenige Versicherte wechseln, überrascht Matusiewicz nicht. Krankenkassen seien ein sogenannter „Low-Interest-Markt“. Solange Menschen gesund seien, beschäftigten sie sich kaum mit diesem Thema. Oft werde der Aufwand überschätzt. „Viele gehen außerdem davon aus, ihre langjährige Mitgliedschaft verschaffe ihnen Vorteile oder eine Art Stammkundenstatus, obwohl das praktisch kaum eine Rolle spielt“, sagt der Gesundheitsökonom. Nach Einschätzung von McKinsey liegt die geringe Wechselbereitschaft auch daran, dass 40 Prozent der Versicherten ihren eigenen Zusatzbeitrag gar nicht kennen. Unter denjenigen, die bereits gewechselt haben, trifft das auf nur 21 Prozent zu. Für 57 Prozent derjenigen, die bereits gewechselt sind, ist der Zusatzbeitrag das wichtigste Wechselkriterium.

Leistungsunterschiede gering – Wettbewerb auf Marketingebene

Die Leistungsunterschiede zwischen den Krankenkassen seien gering, sagt Matusiewicz, weshalb der Preis zwangsläufig zum wichtigsten Faktor werde: „95 bis 98 Prozent der Leistungen sind völlig gleich.“ Und ergänzt: „Das ist Wettbewerb auf einer Marketingebene.“ Innovative Angebote hätten kaum Bestand, weil Wettbewerber sie meist schnell kopierten, sagt er weiter. Die Wechsler sind McKinsey zufolge typischerweise zwischen 18 und 34 Jahre alt, stehen am Beginn ihres Berufslebens oder sind berufstätig. Und sie haben das Prinzip verinnerlicht: 21 Prozent wollen innerhalb eines Jahres erneut die Krankenkasse wechseln.

Risiko für Kassen wächst

Da die Zusatzbeiträge immer weiter steigen, da auch die Kosten immer höher werden, dürfte der Druck auf die Krankenkassen wachsen. „Wer heute schon über dem realen Durchschnitt von 3,1 Prozent liegt, weiß genau: Jeder weitere Zehntelpunkt erhöht das Risiko, preissensible Versicherte zu verlieren“, sagt McKinsey-Partnerin und Studienautorin Stephanie Schiegnitz. Bei den sogenannten Wechselaffinen, also Versicherten, die einen Wechsel zunächst nur erwägen, entscheidet aber doch nicht nur der Preis. 49 Prozent nennen zwar den Zusatzbeitrag als wichtigsten Wechselgrund. Fast genauso wichtig sind für sie jedoch die angebotenen Leistungen (48 Prozent) und der Kundenservice (40 Prozent).

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Service als Schlüssel zur Kundenbindung

Wichtig mit Blick auf den Kundenservice nennen sie dabei die fachliche Kompetenz der Mitarbeiter, eine schnelle Bearbeitung von Anliegen und die persönliche Betreuung. Auch Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbands, sieht darin einen Auftrag für die gesetzlichen Krankenkassen. „Service ist mehr als: Geht jemand ans Telefon“, sagt er. Dazu gehörten etwa eine gute Beratung, Unterstützung bei der Suche nach Pflegeeinrichtungen oder digitale Angebote. „Wer Versicherte in schwierigen Lebenslagen gut begleite, kann Wechselabsichten häufig schon im Vorfeld verhindern“, sagt er.

Zukunft des Wettbewerbs: KI und Transparenz

Wie sich der Wettbewerb zwischen Krankenkassen künftig entwickeln dürfte, darüber sind sich die Experten uneinig. Nach Einschätzung von Matusiewicz dürfte sich der Wettbewerb künftig zwar vor allem um die kleine, wechselaffine Gruppe weiter verschärfen. Je größer die Preisunterschiede zwischen den Krankenkassen werden, desto attraktiver werde ein Wechsel für preissensible Versicherte. „Gleichzeitig erleichtern Vergleichsportale und KI-Anwendungen den Überblick über die unterschiedlichen Zusatzbeiträge und einen Antragswechsel“, sagt er. McKinsey-Partnerin Schiegnitz fügt hinzu: „Junge, wechselaffine Versicherte sind für Krankenkassen eine besonders relevante Zielgruppe, die sie mit einem guten Service und Leistungen überzeugen müssen.“ Blatt bewertet die Entwicklung optimistischer. „Der Wettbewerb ist Motor für Veränderungen, für besseren Service“, sagt er. Aus seiner Sicht profitieren davon alle Versicherten.