Die anhaltende Krise in weiten Teilen der deutschen Industrie hinterlässt tiefe Spuren bei den Beschäftigten. Eine repräsentative Yougov-Umfrage unter 1.153 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern im Auftrag des Schweizer Finanzdienstleisters Swiss Life und der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) zeigt: 44 Prozent der Befragten berichten über gestiegene geistige oder körperliche Belastung am Arbeitsplatz. Weitere 29 Prozent geben an, zumindest teilweise höheren Stress zu erleben.
Einsparungen und Personalabbau als Hauptursachen
Als zentrale Auslöser nennen die Beschäftigten vor allem die Sparmaßnahmen ihrer Unternehmen. So führen 49 Prozent der Befragten ihre Mehrbelastung auf Einspar- und Effizienzprogramme zurück. 48 Prozent machen Personalabbau oder das Nichtbesetzen freier Stellen verantwortlich. Da Mehrfachnennungen möglich waren, sind Überschneidungen zwischen beiden Gründen ausdrücklich denkbar. Die Umfrage verdeutlicht damit, wie sehr Rationalisierungsdruck und reduzierte Belegschaften den Alltag in den Betrieben bestimmen.
IG-BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis sieht dringenden Handlungsbedarf: „Wirtschaft und Politik sollten das als Weckruf aus der Mitte der industriellen Realität verstehen.“ Genau hier liege ein entscheidender Punkt: Die Belastung sei nicht nur eine individuelle Befindlichkeit, sondern ein strukturelles Problem, das sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen dürfte.
Produktion stärker betroffen als Verwaltung
Besonders aufschlussreich ist der Unterschied zwischen den Arbeitsbereichen. Während 59 Prozent der Mitarbeiter in der Produktion eine erhöhte Belastung angeben, sind es in Verwaltung und Büro nur 37 Prozent. Offenbar trifft der Sparkurs die Beschäftigten an den Maschinen und Anlagen deutlich stärker als jene in administrativen Positionen. Das zeigt: Der Druck in den Industriebetrieben verteilt sich sehr ungleich.
Diese Diskrepanz dürfte auch mit der unmittelbaren Abhängigkeit der Produktion von Aufträgen zusammenhängen. Wenn Aufträge fehlen oder kurzfristig umgeplant wird, spiegelt sich das direkt in Schichtarbeit und Produktionsabläufen wider. Bürobeschäftigte haben demgegenüber etwas mehr Puffer, um mit veränderten Anforderungen umzugehen – auch wenn auch sie mehrheitlich eine Steigerung bemerken.
Mehrheit erwartet weiter steigende Anforderungen
Und ein Ende ist nicht in Sicht: Mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent) rechnet damit, dass die Anforderungen an persönliche Flexibilität und Belastbarkeit weiter zunehmen werden. Ein weiteres Drittel (33 Prozent) geht von zumindest teilweise steigenden Anforderungen aus. Nur eine Minderheit glaubt also an eine Entspannung. Swiss-Life-Deutschlandchef Dirk von der Crone kommentierte: „Die absolute Mehrheit stellt sich auf noch härtere Zeiten ein.“
Die Umfrageteilnehmer kommen aus den von der IG BCE vertretenen Branchen – Chemie, Energie, Pharma und Bergbau. Diese Bereiche stehen besonders unter Druck: Die chemische Industrie leidet unter hohen Energiepreisen und schwacher Nachfrage, der Bergbau kämpft mit strukturellem Wandel, und auch die Pharmabranche ist nicht immun gegen Kostendruck und Effizienzvorgaben.
Junge Beschäftigte fürchten Künstliche Intelligenz
Auffällig sind die altersspezifischen Unterschiede bei der Sorge vor Automatisierung und KI-gestützten Systemen. So fürchten 37 Prozent der unter 30-Jährigen, dass Künstliche Intelligenz ihren Job künftig überflüssig machen könnte. Bei der Altersgruppe der Jahrgänge 1965 bis 1980 liegt dieser Anteil lediglich bei 17 Prozent. Die Jüngeren, die noch ein langes Arbeitsleben vor sich haben, empfinden die technologische Unsicherheit offenbar als deutlich bedrohlicher.
Diese Angst könnte zusätzlichen Stress erzeugen, denn sie trifft auf eine ohnehin angespannte Lage. Die Kombination aus steigendem Druck, unsicheren Zukunftsaussichten und dem Gefühl, durch KI ersetzbar zu sein, dürfte die psychische Belastung vieler Beschäftigter weiter erhöhen. Arbeitgeber, Betriebsräte und Politik sind daher gleichermaßen gefordert, Strategien zu entwickeln, die sowohl die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen als auch die Gesundheit der Mitarbeiter im Blick behalten.
Fazit: Weckruf für Wirtschaft und Politik
Die Umfrageergebnisse liefern ein klares Bild: Die Krise der Industrie ist längst auch eine Krise der Belegschaften. Belastung, Zukunftsangst und das Gefühl, im Effizienzraderwerk zu stecken, prägen den Alltag vieler Fachkräfte. Es brauche daher, so der IG-BCE-Vorsitzende, ein Umdenken in Politik und Wirtschaft, damit die Beschäftigten die Transformation nicht allein ausbaden müssen. Sonst drohe nicht nur eine weitere Zunahme von Krankheitsausfällen, sondern auch ein Verlust an Fachkräften, die sich anderen Branchen zuwenden.



