Zwei Fünftel der Erwerbstätigen in Deutschland glauben nicht daran, dass sich Leistung im Job generell lohnt. 59 Prozent hingegen sind sich sicher, dass sich Einsatz auszahlt. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Onlineumfrage von Statista für den „Spiegel“. Demnach glauben vor allem jene an einen Zusammenhang zwischen Anstrengung und Ertrag, die selbst leistungsbereit sind.
Viele wären bereit, mehr zu leisten – aber es fehlt an Gegenleistungen
Gleichzeitig wären viele der 1000 Befragten bereit, sich stärker einzubringen, vermissen aber Gegenleistungen. 44 Prozent seien grundsätzlich motiviert, mehr zu leisten, als formal erwartet wird. Rund ein Fünftel ist dazu eher nicht oder gar nicht bereit. Der am häufigsten genannte Grund ist fehlende finanzielle Belohnung. Knapp ein Viertel der Befragten gibt an, deshalb keine zusätzlichen Leistungen zu erbringen. Zu wenig Wertschätzung, Verluste an Lebensqualität und zu wenig Raum für Freizeit und Familie nannten je rund ein Fünftel als Grund.
Was unter Leistung verstanden wird – und wie sich die Generationen unterscheiden
Leistungen definieren die Befragten dabei insbesondere mit Qualität und Sorgfalt. Mehr als zwei Drittel halten diese Aspekte für entscheidend – unter den 55- bis 65-Jährigen sind es sogar 80 Prozent. Jüngere hingegen haben im Schnitt einen vielfältigeren Blick auf Leistung. Unter den 18- bis 24-Jährigen gaben 51 Prozent an, Qualität für zentral zu halten. Häufiger genannt wurden demnach auch Weiterbildung, Zusatzaufgaben und das Übertreffen von Zielen.
Jüngere sehen sich unter hohem Leistungsdruck. 42 Prozent der unter 34-Jährigen berichten, häufig oder stark unter Druck zu stehen. Frauen fühlen sich dabei stärker belastet als Männer. 45 Prozent führen das Belastungsgefühl auf zu viel Arbeit zurück – etwa aufgrund von Personalmangel oder Einsparungen.
Wunsch nach Arbeitszeitreduktion und die Viertagewoche
Eine weitere Erkenntnis der Umfrage: Rund zwei Drittel wünschen sich, ihre Arbeitszeit reduzieren zu können. Sogar drei Viertel sind es unter den Jüngeren. Vor allem, um mehr Zeit für Familie, Hobbys oder Erholung zu haben. Selten genannt wurde eine Pflegeverantwortung. Fast die Hälfte hält demnach die Viertagewoche für sinnvoll, knapp 41 Prozent sind jedoch mit der Fünftagewoche zufrieden. Die meisten präferieren das klassische Fünftagemodell mit festen Zeiten (27 Prozent). Fast ebenso viele hätten gern eine Viertagewoche mit gleicher Wochenarbeitszeit (23 Prozent). Rund 20 Prozent wünschen sich die Variante mit reduzierter Arbeitszeit.
Psychologin sieht Verdrossenheit – und warnt vor politischen Aussagen
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte in den vergangenen Monaten immer wieder gesagt, dass in Deutschland aus seiner Sicht zu wenig gearbeitet werde. Faulheit spiegeln die Ergebnisse aus Sicht der Arbeits- und Organisationspsychologin Laura Venz (Leuphana Universität Lüneburg) jedoch nicht wider. Sie sieht die Skepsis gegenüber Leistung eher als Ausdruck von Verdrossenheit und mangelnder Wirksamkeitserfahrung, sagte sie dem „Spiegel“. Politische Aussagen, wonach Menschen „zu wenig tun“, verstärkten Zynismus, glaubt sie. Viele würden erleben, dass Mehrarbeit wegen Inflation und Krisen nicht zu einem besseren Leben führe. Gegen eine Vollzeitstelle, komprimiert auf vier Tage, sprächen die wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu. Der Achtstundentag sei evidenzbasiert, sagt sie. Dauerhaft zehn Stunden oder mehr zu arbeiten, sei ungesund.
Koalitionspläne zur Arbeitszeitflexibilisierung
Union und SPD wollen mehr Arbeitszeitflexibilität. Vorgesehen ist laut Koalitionsvortrag „die Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit“. Umgesetzt werden soll das durch eine Reform des Arbeitszeitgesetzes. Im Juni war ein erster Reformentwurf des zuständigen Arbeitsministeriums durchgesickert. Darin hieß es, der Achtstundentag solle grundsätzlich unangetastet bleiben. Allerdings sollen die Ausnahmeregelungen erweitert werden. In Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen soll es demnach möglich sein, „anstelle einer werktäglichen, eine wöchentliche Begrenzung der Arbeitszeit zu vereinbaren“, wenn gleichzeitig Regelungen zum entsprechenden Schutz der Gesundheit der Arbeitnehmer aufgestellt werden. Eine solche Wochenarbeitszeit soll im Jahresschnitt bei maximal 48 Stunden liegen dürfen. Union und Wirtschaftsverbände übten Kritik an der vorgesehenen Tarifbindung.



