Die deutsche Automobilbranche durchlebt eine der schwersten Krisen ihrer Geschichte. Sinkende Absatzzahlen, hohe Energiepreise und massive Stellenstreichungen belasten die Hersteller. Experten erwarten, dass sich die Lage zunächst weiter verschlechtern wird. Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Bochumer Center Automotive Research (CAR), prognostiziert: „Die nächsten fünf Jahre werden grausam. Die Talsohle haben wir noch nicht erreicht.“
BMW senkt Prognose, Mercedes streicht Sonderzahlungen
Im Juni senkte BMW seine Jahresprognose deutlich. Grund sind die Krise auf dem chinesischen Automarkt und hohe Energiepreise infolge des Iran-Kriegs. Der Münchner Autobauer rechnet nun mit einem „deutlichen“ Rückgang des Vorsteuergewinns – laut Unternehmensdefinition ein Minus von über 15 Prozent. Kurz darauf zog Mercedes nach: Der Konzern kündigte an, noch stärker sparen zu müssen. Beschäftigte müssen vorläufig auf ihre jährliche Sonderzahlung verzichten. Perspektivisch wünscht sich Mercedes, dass die Mitarbeiter wieder 40 Stunden pro Woche arbeiten – bei gleichem Lohn.
VW erwägt massiven Stellenabbau
Bei Volkswagen verdichten sich die Gerüchte über einen drastischen Stellenabbau. Europas größter Autokonzern könnte weltweit bis zu 100.000 der rund 657.000 Arbeitsplätze streichen – bisher war von 50.000 die Rede. Zudem sollen die Investitionen um etwa 15 Prozent auf gut 130 Milliarden Euro sinken. Werke in Hannover, Zwickau, Emden und der Audi-Standort Neckarsulm stehen womöglich vor der Schließung.
Standort Deutschland als Problem
Laut Dudenhöffer liegt die Krise nicht an der Qualität der Autobauer. „Die haben gute Programme. VW hat zum Beispiel ein kräftiges, überzeugendes Programm für China. BMW geht in dieselbe Richtung. Siemens ist ein tolles Unternehmen, das sich richtig aufgestellt hat“, sagt der Experte. Das Problem sei der Standort Deutschland: „Die Bedingungen, in Deutschland zu investieren, sind katastrophal schlecht.“ Bürokratie, europäische Regulierung, hohe Energie- und Arbeitskosten belasten die Unternehmen. Dudenhöffer setzt Hoffnungen auf die Reformen von Friedrich Merz, rechnet aber nicht mit schneller Besserung.
Autoindustrie als Motor der Wirtschaft
Die Autoindustrie trägt laut Statistischem Bundesamt mehr als 4,5 Prozent zur Bruttowertschöpfung Deutschlands bei. Rund 3,2 Millionen Beschäftigte hängen direkt oder indirekt an der Branche, davon 1,2 Millionen in der Produktion. Doch die Nachfrage nach Neuwagen – insbesondere mit Verbrennermotor – geht zurück. Deutsche Hersteller verlieren Marktanteile. Die Produktion wandert zunehmend ins Ausland: Wurden 2014 noch 5,6 Millionen Autos in Deutschland gefertigt, waren es 2024 weniger als 4,1 Millionen. Auch Zulieferer leiden unter der Entwicklung.
Strukturkrise statt Kollaps
Stefan Reindl, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (IfA), sieht die Branche in der „härtesten Strukturkrise seit Jahrzehnten“. Das alte Erfolgsmodell aus Premium, Verbrennerkompetenz, Exportstärke und deutscher Fertigungstiefe sei nicht mehr tragfähig. „Zu lange wurden Erträge aus der Vermarktung von Verbrennerfahrzeugen, China-Gewinne und Premiumpreise als dauerhafte Gewissheiten behandelt“, kritisiert Reindl. Gleichzeitig seien Elektromobilität, Batteriekompetenz, neue Wettbewerber und geopolitische Risiken schneller gekommen, als deutsche Strukturen reagieren konnten.
Politik in der Pflicht
Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), mahnt: „Insbesondere hohe Energiepreise und Arbeitskosten, langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren, marode Infrastruktur und immer mehr Regulierung und Bürokratie führen dazu, dass sich die Unternehmen aus wirtschaftlichen Gründen zunehmend gegen den Standort entscheiden müssen.“ Das Abwandern von Investitionen und Beschäftigung werde nicht ohne Folgen für Wohlstand und Stabilität bleiben. Besonders kritisch sieht die Branche das EU-Vorhaben, ab 2035 nur noch unter harten Bedingungen neue Verbrenner zuzulassen. Ursprünglich war ein Verkaufsverbot für Neuwagen mit Verbrennungsmotor ab 2035 geplant. Auf Druck Deutschlands schlug die EU-Kommission im Dezember vor, darauf zu verzichten, dafür aber die CO₂-Emissionen um 90 Prozent im Vergleich zu 2021 zu senken.
Technologieoffenheit könnte Jobs retten
Nach VDA-Berechnungen könnten bei Technologieoffenheit allein in Deutschland über 2035 hinaus rund 50.000 Arbeitsplätze erhalten bleiben. Dudenhöffer kritisiert die EU: „Was Brüssel einfällt, sind neue Vorschriften, neue Regulierungen und Zölle. Das führt uns nach unten, nicht nach oben.“ Reindl sieht aber auch die Konzerne in der Pflicht: „Besser werden muss die gesamte industrielle Taktung mit weniger Komplexität, kürzeren Entwicklungszeiten, konsequenteren Plattformen, mehr regionaler Produktverantwortung sowie niedrigeren Batteriekosten und besserer Softwareintegration.“ Sein Fazit: „Die deutsche Automobilindustrie ist nicht am Ende, aber sie ist am Ende ihrer alten Selbstverständlichkeiten.“



