Die Bundeswehr treibt die Entwicklung führerloser Militärlastwagen voran. Das Forschungsprojekt Interoperable Robotic Convoy (InterRoC) soll den Weg ebnen. Im Rahmen dieses Projekts rüstet der Technologiekonzern Quantum Systems die Militärfahrzeuge von Daimler Truck mit eigenen Autonomielösungen aus.
Kernpriorität der Bundeswehr
„Es ist eine der Kernprioritäten der Bundeswehr, autonomes Fahren für Lkw zu entwickeln“, erklärt Hendrik Kramer, der bei Quantum Systems für den Einsatz der Technologie in Bodenfahrzeugen verantwortlich ist. Wie viele Lastwagen nun mit den KI- und Autonomielösungen nachgerüstet werden, möchte Kramer nicht preisgeben. Klar sei jedoch: „Perspektivisch wollen wir größere Stückzahlen liefern.“
Das eingesetzte System von Quantum Systems basiert auf dem Betriebssystem „Mosaic“, das um neue Fähigkeiten erweitert wird. Lidar-, Kamera- und Radarsensoren ermöglichen den Fahrzeugen, ihre Umgebung wahrzunehmen. Ein Satellitennavigationssystem dient der Positionsbestimmung. Daten können direkt zwischen den Fahrzeugen ausgetauscht werden. So lassen sich die Lkw entweder aus der Ferne oder von einem vorausfahrenden Fahrzeug steuern.
Wettbewerber: Rheinmetall und Arx Robotics
Quantum Systems und Daimler Truck sind nicht die einzigen Akteure, die autonome Lösungen für die Militärlogistik anbieten wollen. Rheinmetall arbeitet seit 2020 an teleoperierten Systemen und hat den Vorteil, bereits ein zentraler Lieferant von Militär-Lkw für die Bundeswehr zu sein. Die Bundesregierung hat einen Rahmenvertrag über die Lieferung von rund 6500 Lkw der HX-Reihe von Rheinmetall unterzeichnet.
Ein weiterer Konkurrent ist das Robotik-Start-up Arx Robotics. Es hat das Betriebssystem Mithra entwickelt, das Künstliche Intelligenz einsetzt und bestehende Fahrzeugflotten nachrüstbar macht. Diese können dann miteinander kommunizieren und autonom agieren. Arx Robotics kooperiert ebenfalls mit Daimler Truck. Erst diese Woche kündigte ein Daimler-Truck-Manager im Handelsblatt an, den Rüstungsumsatz bis 2028 verdoppeln zu wollen.
Fahrermangel als Treiber
Der Grund für den Einsatz autonomer Technik ist der hohe Personalbedarf der Bundeswehr, der nicht gedeckt werden kann. Bis 2035 soll sich die Zahl der Lastwagen auf 60.000 verzehnfachen, so Kramer. Dafür fehle es an Fahrern. Auch im zivilen Sektor haben Speditionen mit dem Fahrermangel zu kämpfen. Der dänische Logistikkonzern DSV setzt bereits auf der Strecke zwischen Dallas und Houston in den USA einen autonom gesteuerten Volvo-Lkw ein. In absehbarer Zeit sollen solche Fahrzeuge auch in Deutschland fahren.
Milliardengeschäft in Sicht
In der aktuellen Phase des Forschungsprojekts InterRoC geht es zunächst darum, die teilautonome Konvoifahrt zu demonstrieren. Einem bemannten Führungsfahrzeug folgen mehrere fahrerlose Fahrzeuge, die „wie an einer Perlenkette aufgezogen einen weitestgehend unbemannten Konvoi bilden“, erläutert Kramer. Quantum Systems muss zeigen, dass dies auch unter schwierigen Einsatzbedingungen und eingeschränkter Kommunikationsinfrastruktur funktioniert. Zudem wird die Zulassung für automatisierte militärische Transportfahrzeuge angestrebt, wobei Quantum Systems mit dem Zentrum Kraftfahrwesen der Bundeswehr (ZKfWBw) zusammenarbeitet.
Kramer hat bereits Erfahrung mit Zertifizierungsprozessen: Sein früheres Logistik-Start-up Fernride war in Europa das erste Unternehmen, das eine Zertifizierung für teilautonome Lkw auf Containerterminals erhielt. Quantum Systems übernahm Fernride im Dezember. Finanzielle Details zu InterRoC nennt Kramer mit Verweis auf Geheimhaltungsklauseln nicht. Erwartet wird jedoch ein Milliardengeschäft, da der Bedarf enorm ist. Quantum Systems legt Wert auf Bezahlbarkeit: Für „Mosaic“ werden Komponenten aus der Automobilindustrie genutzt, die in hohen Stückzahlen produziert werden. „Wir wollen keine Goldrandlösung entwickeln“, so Kramer. Das Angebot werde letztlich günstiger sein, „als wenn man das Personal vorhalten müsse“.
Nächste Finanzierungsrunde in Vorbereitung
Kramer strebt an, dass das Geschäft mit Bodenfahrzeuglösungen ähnlich groß wird wie der Luftsektor. Quantum Systems ist bisher vor allem für seine Drohnen bekannt und liefert unter anderem Aufklärungsdrohnen an die Bundeswehr. Zudem bietet die Münchner Firma Abfangdrohnen an und arbeitet an Geräten für den Meereseinsatz sowie an einem Hubschrauber. Derzeit bereitet Quantum Systems seine nächste Finanzierungsrunde vor. Insidern zufolge könnte das Unternehmen danach Anfang 2027 an die Börse gehen, mit einer angestrebten Bewertung von mindestens zehn Milliarden Euro.



