Leon Glatzer steht am Rand eines riesigen Wasserbeckens im Gewerbegebiet von Hallbergmoos, einem kleinen Ort nahe dem Münchner Flughafen. Es ist ein kalter Tag im Mai, 8 Grad Lufttemperatur. Auch das Wasser ist kalt, 14 Grad, es weht ein wenig. Leon zeigt die Zähne: „Ich hasse die Kälte.“ Leon ist in Costa Rica aufgewachsen, einem Land in Zentralamerika, in dem es viel wärmer ist als hier. Ein paar Dehnübungen, ein paar Sprünge aus dem Stand zum Aufwärmen, dann gleitet Leon in seinem Neoprenanzug in das klare Wasser. Er legt sich auf sein Brett und paddelt quer durch das Becken. Ein Gong ertönt, dann bilden sich Wellen im Pool, erst kleine, dann immer größere. Leon gleitet liegend auf der Welle, springt dann auf, steht auf dem Board und reitet die Welle gut 100 Meter. Immer wieder katapultiert er sich in die Luft, dreht sich dabei um die eigene Achse oder greift mit der Hand nach dem Brett, auf dem er steht. Als die Welle bricht, lässt er sich ins Wasser fallen, ruft: „Wuuuhuuu!“ und paddelt wieder zurück zum anderen Ende des Beckens, wo bereits die nächste Welle startet.
Surftown MUC: Europas längste künstliche Welle
Das Wasserbecken, in dem Leon trainiert, ist kein normales Schwimmbad. „Surftown MUC“ hat 45 Millionen Euro gekostet, ist 180 Meter lang, fasst elf Millionen Liter Wasser und ist einer der größten Surfparks Europas. In der zwei Jahre alten Anlage werden Wellen auf Knopfdruck produziert. Das funktioniert so: Die Luft in 34 großen unterirdischen Kammern an einer Seite des Beckens wird zunächst angesaugt, dann nach unten auf Klappen gedrückt. Die Klappen pressen wiederum Wasser so ins Becken, dass sich unterschiedlich starke, unterschiedlich schnelle und unterschiedlich geformte Wellen bilden. Kleine Wellen für Anfänger, bis zu 2,20 Meter hohe Brecher für Experten. Es ist so, als ob man mit einem Strohhalm in ein Wasserglas bliese, nur viel größer. Das Meer kommt gleichsam nach München – und deshalb ist auch Leon hier.
Vorteile der künstlichen Welle für Profis
Die künstlichen Meereswellen locken viele der besten Surfer der Welt nach München. Leon ist einer von ihnen. Er erklärt, was daran so toll ist: „Beim Surfen im echten Meer sitzt man oft ewig auf dem Brett und wartet auf die nächste Welle. Manchmal ist Flaute, und es kommt tagelang gar keine Welle. Oder es herrscht Sturm. Hier habe ich zehn bis zwölf Wellen in der Stunde, jede mit bis zu 25 Sekunden Dauer, und kann bei jeder Welle an meinen Tricks tüfteln.“
„Das ist der große Vorteil“, sagt auch Martin Walz, Leons Trainer. „Die Wellen sind sehr verlässlich, gut planbar, man kann super trainieren und sich ganz auf das Surfen konzentrieren.“ Mit Leon hat er ein Trainingsprogramm entworfen. Das Fernziel: die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles in den USA. Jeden Tag trainiert Leon am Morgen und am Abend zwei Stunden im Wellenbecken, dann folgen Kraft- und Ausdauertraining. Ein Physiotherapeut kümmert sich um ihn, es gibt Stunden mit einem Mental-Trainer, der ihm hilft, unter höchstem Druck höchste Leistungen zu bringen.
Leons Weg zum Profisurfer
Leon hat schon einmal bei Olympia teilgenommen. Damals, 2021, war er der erste deutsche Surfer, der bei den Olympischen Spielen antrat. Seine Spezialität ist das Wellenreiten mit dem Shortboard, also einem kürzeren Surfbrett, das sehr wendig ist. Damit benutzt er die Kante einer Welle, die „lip“, wie eine Rampe, von der aus er abhebt, durch die Luft fliegt und wieder auf der Welle landet. Er ist dabei so gut, dass Zuschauer schon mal scherzhaft vermuteten, er hätte das Brett an seine Füße geklebt, weil er bei seinen wilden Ritten so selten vom Brett getrennt wurde.
„Es gibt niemanden, der in der Luft so akrobatisch ist wie Leon“, sagt Martin Walz, „seine Mutter hat ihn mit zwei Jahren aufs Surfbrett gestellt. Er ist im Wasser aufgewachsen, alles ist selbstverständlich für ihn, wenn er auf dem Brett steht.“ Seine Kindheit und Jugend verbrachte Leon am Strand in Costa Rica, wo seine Mutter lebt. Mit 15 Jahren wurde Leon Profisurfer. Er reiste schon als Teenager durch die Welt, um an Wettkämpfen teilzunehmen. Tahiti, Australien, Frankreich, Island. In Südafrika surfte er an einem riesigen Weißen Hai vorbei. „Ich dachte, das war’s!“, sagt Leon. Vor Hawaii drückte ihn eine Monsterwelle unter Wasser auf ein Riff. Er zog sich eine Platzwunde am Kopf zu, wurde ohnmächtig und in letzter Sekunde aus den Wellen gerettet.
Auf Reisen übernachtete er bei Freunden auf dem Boden. Statt im Bett schlief er in der großen Tasche, in der er seine Boards transportierte. „Ich hatte kaum Geld, vielleicht 200 Dollar im Monat“, erinnert er sich, „ich besaß ein T-Shirt, das trug ich im Wasser und an Land.“ Doch dann surfte Leon immer besser, die Sponsoren zahlten ihm nach und nach Reisen, Ausrüstung, ein Gehalt. „Jetzt lebe ich meinen Traum“, sagt Leon.
Der Wellenmeister und das Training
Oben in dem Turm, der das große Wasserbecken überblickt, sitzt der Wellenmeister. An mehreren Computerbildschirmen steuert er die Kammern und Klappen, die die Wellen produzieren. 16 Stunden am Tag laufen die Wellenmaschinen, von 7 Uhr früh bis 23 Uhr in der Nacht. Mal sendet der Wellen-DJ die Wellen von links nach rechts, mal in die andere Richtung, mal kommen sie aus der Mitte in beide Richtungen. Wenn man wollte, könnte man mehrere Hundert unterschiedliche Wellen bauen.
Mit dem Fernglas überwacht der Wellenmeister das Becken, über sein Walkie-Talkie hält er Kontakt mit den Rettungsschwimmern, die unten am Becken stationiert sind. Bis zu 56 Menschen können gleichzeitig im Becken sein, da ist es wichtig, den Überblick zu behalten. Leon ist für heute fertig im Wasser. Er paddelt ans Ufer des Beckens. Sein Coach Martin reckt den Daumen hoch. „Super Session“, sagt Leon. Er schält sich aus dem Neoprenanzug, grinst und sagt: „Jetzt kommt der Höhepunkt meines Morgens: die heiße Dusche danach.“



