Die Stimmung am deutschen Aktienmarkt hat sich deutlich abgekühlt. Der Dax fiel in der vergangenen Woche um 2,8 Prozent und stabilisierte sich am Montag bei rund 25.000 Punkten. Laut der Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment ist die Anlegerstimmung auf 0,5 Punkte gesunken, nachdem sie in der Vorwoche noch bei 3,8 Punkten nahe der Euphorie-Marke von vier Punkten gelegen hatte. Dies ist der schärfste Umschwung seit Anfang März 2026.
Ursachen der Verunsicherung
Stephan Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX, sieht die Gründe für den Stimmungseinbruch in den jüngsten Entwicklungen bei Volkswagen und im Iran. „Die jüngsten Entwicklungen bei VW und im Iran scheinen diese Jubellaune tatsächlich im Keim erstickt zu haben“, sagt Heibel. VW plant Einsparungen, bei denen mehr als 100.000 Stellen wegfallen und Standorte geschlossen werden könnten. Gleichzeitig eskaliert der Irankrieg erneut, was die Ölpreise steigen lässt. Für viele Anleger kommt dies überraschend: 44 Prozent der Befragten geben an, dass sich ihre Erwartungen in der vergangenen Handelswoche gar nicht oder kaum erfüllt haben.
Zukunftserwartung steigt trotz Verunsicherung
Die Verunsicherung ist mit minus 1,6 Punkten deutlich gestiegen. Gleichzeitig stieg die Zukunftserwartung von minus 0,3 auf plus 1,6 Punkte. Dies ist nicht ungewöhnlich: Wenn negative Erwartungen durch fallende Kurse erfüllt werden, hat sich ein Teil des negativen Potenzials bereits materialisiert, sodass Anleger optimistischer in die Zukunft blicken. Die Investitionsbereitschaft bleibt mit 1,5 Punkten weiterhin positiv, nach 1,9 Punkten in der Vorwoche. Auffällig ist der hohe Anteil neutral positionierter Anleger: 39 Prozent rechnen in drei Monaten mit einer Seitwärtsbewegung. In den USA liegt der neutrale Anteil laut AAII-Umfrage bei 27 Prozent. „Das ist jeweils sehr hoch und bedeutet im Umkehrschluss, dass sich nur wenige Anleger derzeit festlegen, ob sie steigende oder fallende Kurse erwarten“, sagt Heibel.
Defensive Positionierung als Sicherheitsnetz
Die vielen neutral eingestellten Anleger stehen in Verbindung mit einer wachsenden Cash-Quote. In einer separaten Umfrage unter Kunden von AnimusX zeigt sich, dass Anleger derzeit so viel Cash halten wie im Schnitt nur einmal pro Jahr. „Daraus können wir ableiten, dass Anleger in der abgelaufenen Woche viele Positionen verkauft haben“, sagt Heibel. Parallel dazu ist das Put/Call-Verhältnis gestiegen, was bedeutet, dass Anleger mehr Put-Optionen zur Absicherung kaufen als Call-Optionen. „Anleger sind also überaus defensiv positioniert“, fasst Heibel zusammen. Er hält dies für eine konstruktive Ausgangssituation. Kurzfristig könnte der Irankrieg die Märkte weiter belasten, doch die hohen Cashbestände würden bei fallenden Kursen für Aktienkäufe eingesetzt. „Das bildet ein Sicherheitsnetz an den Börsen“, sagt Heibel. „Zusätzlich werden Put-Positionen in fallende Kurse hinein aufgelöst, um den erzielten Gewinn einzustecken. Auch das wirkt wie ein Sicherheitsnetz.“
Langfristige Perspektive: Neue Höchststände erwartet
Langfristig rechnet Heibel mit neuen Höchstständen an der Börse. Die hohen Cashreserven und die anhaltende Investitionsbereitschaft sprechen dafür, dass Anleger bei nächster Gelegenheit kaufen werden. „Sollte die Belastung des Irankriegs einmal aufgehoben werden, dann sind viele Anleger unterinvestiert und dürften den Dax auf neue Allzeithochs treiben“, schlussfolgert Heibel. Ein Blick in die Vergangenheit stützt diese Einschätzung: War die Cash-Quote ähnlich hoch wie aktuell, stieg der Dax im Schnitt in den folgenden sechs Monaten um knapp acht Prozent.
Bitcoin-Stimmung so schlecht wie selten
Noch schlechter als am Aktienmarkt ist die Stimmung für den Bitcoin. „Bitcoin-Anleger sind niedergeschlagen wie selten zuvor“, sagt Heibel. Auf drei vergleichbare Sentiment-Konstellationen folgte zunächst eine dreimonatige Seitwärtsbewegung und danach eine Aufwärtsbewegung von im Schnitt rund 18 Prozent. Wiederholt sich dieses Szenario, würde der Bitcoin im Oktober seinen Tiefpunkt erreichen – was mit Heibels fundamental begründeter Analyse übereinstimmt. Er sagt daher: „Drei historische Vergleichswerte sind alles andere als eine signifikante Prognose. Dennoch ist es schön, wenn meine aus der Bitcoin-Analyse abgeleitete Erwartung mit der Sentiment-Analyse zusammenfällt.“



