Der Mittzwanziger Leopold Aschenbrenner galt bis vor Kurzem als Börsenstar des Silicon Valley und wurde als „KI-Nostradamus“ gefeiert. Nun hat der in Deutschland geborene Gründer des Hedgefonds „Situational Awareness“ seinen Investoren einen Demutsbrief geschrieben. Er musste einen großen Teil des Portfolios in einem Notverkauf abgeben. Nach übereinstimmenden Berichten von „Wall Street Journal“ und „Financial Times“ übernahm der Hedgefonds Citadel des Milliardärs Ken Griffin die meisten Anteile börsennotierter Unternehmen – mit einem Abschlag von mehr als zehn Prozent auf den aktuellen Wert.
In dem Brief, der in der Nacht zum Freitag an die Anleger ging, bestätigte Aschenbrenner: „Ein Teil der Anteile an börsennotierten Unternehmen wurde als Paket verkauft.“ Er schrieb weiter: „Wir haben Sie in diesem Monat enttäuscht.“ Er übernehme die volle Verantwortung für die „sehr teuren Narben“ – und kündigte an, daraus zu lernen. „Mein Kernversprechen an Sie heißt, dass wir die Gelegenheit nicht verschwenden werden, aus diesen Ereignissen zu lernen“, so der Fondsgründer. Sein persönliches Kapital stecke ebenfalls in dem Fonds, und er werde beweisen, dass er nun ein klügerer Investor sei.
Der Fonds sei weder geschlossen noch liquidiert worden, betonte Aschenbrenner. Er werde weiter bestehen. Die verbliebenen Investments hätten den Berichten zufolge einen Wert von mehr als zehn Milliarden Dollar. Und trotz des schweren Monats liege der Fonds seit Jahresbeginn immer noch rund 80 Prozent im Plus.
Vom KI-Prophet zum Krisenmanager
Aschenbrenner ist erst Mitte 20. Früher arbeitete er beim ChatGPT-Entwickler OpenAI. Vor rund zwei Jahren veröffentlichte er einen viel beachteten Essay mit dem Titel „Situational Awareness“. Darin argumentierte er, dass künstliche Intelligenz die Welt radikal verändern werde – und dass sich die meisten Menschen dessen noch nicht bewusst seien. Wenig später gründete er einen Hedgefonds unter demselben Namen mit dem Versprechen, in die Zukunft zu investieren.
Auf der Welle des KI-Booms entwickelte sich der Fonds zunächst außergewöhnlich gut. Situational Awareness investierte nach öffentlich zugänglichen Unterlagen in KI-Infrastruktur, Chips und Energie für Rechenzentren. Dank kräftiger Kursanstiege wuchs das Portfolio von einigen hundert Millionen auf 45 Milliarden Dollar, wie aus Berichten von „Wall Street Journal“ und CNBC hervorgeht. Andere Anleger kopierten die Strategie, Aschenbrenner wurde als „Wunderkind“ und „Orakel“ gefeiert.
Riskante Hebel und Leerverkäufe
Der Absturz kam im Juli, als die Kurse von Halbleiteraktien steil nach unten gingen. Diese Papiere machten einen großen Teil des Fondsvermögens aus. Entscheidend war jedoch, wie der Fonds aufgestellt war: Nach Informationen von CNBC hatte Situational Awareness in großem Stil mit geliehenem Geld gearbeitet. Der Hebel entsprach etwa dem Vierfachen des eigenen Kapitals. Als die Kurse fielen, verlangten Banken demnach zusätzliche Sicherheiten – und der Fonds musste plötzlich Liquidität beschaffen.
Hinzu kamen Wetten auf fallende Kurse bei Softwareunternehmen. Der Fonds hatte Aktien von Firmen leerverkauft, deren Geschäft durch KI unter Druck gerät. Bei Leerverkäufen werden geliehene Aktien verkauft, in der Hoffnung, sie später billiger zurückzukaufen. Doch ausgerechnet im Juli erholten sich viele Softwaretitel deutlich – und fügten dem Fonds weitere Verluste zu. Aschenbrenner kündigte an, künftig auf gehebelte Wetten verzichten zu wollen.
Citadel profitiert vom Notverkauf
Der Notverkauf an Citadel erfolgte offenbar in Windeseile. Nach Angaben des „Wall Street Journal“ zahlte Ken Griffins Fonds einen Abschlag von mehr als zehn Prozent auf den damaligen Marktwert des erworbenen Aktienpakets. Citadel und Situational Awareness wollten sich auf Anfrage nicht äußern. Das übernommene Paket umfasste einen großen Teil der börsennotierten Beteiligungen des Fonds.
Die Beteiligung an der KI-Firma Anthropic behielt Situational Awareness den Berichten zufolge entgegen erster Überlegungen. Der Anteil wird auf 3,5 bis 5 Milliarden Dollar geschätzt. Insgesamt sollen die verbliebenen Investments mehr als zehn Milliarden Dollar wert sein. Aschenbrenner kündigte an, er werde beweisen, dass er aus dem Absturz gelernt habe.
Tony Tassell kommentierte die Entwicklung auf Bluesky mit den Worten: „Die eigentliche Frage ist, wie konnte jemand so viel Geld investieren und dann so viel Geld an einen Jungen ohne persönliche Erfahrung und ohne Infrastruktur verleihen?“



