Der Vorstandsvorsitzende des Chemiekonzerns Evonik, Christian Kullmann, hat die deutsche Energiewende in einer deutlichen Abrechnung als gescheitert bezeichnet. Die bisherigen Investitionen von rund 1000 Milliarden Euro hätten keinerlei messbaren Nutzen für das Weltklima gebracht, so Kullmann in einem Interview mit der „Rheinischen Post“. Er fordert eine Verschiebung des für 2030 in Nordrhein-Westfalen geplanten Kohleausstiegs sowie eine Verlängerung des Ziels der Klimaneutralität von 2045 auf 2050.
Kullmann: „Kohle-Ausstieg 2030 sehe ich nicht“
Der Evonik-Chef bezweifelt, dass der vorgezogene Braunkohleausstieg in NRW wie geplant bis 2030 umgesetzt werden kann. „Wir haben nicht genug Gaskraftwerke, um die Versorgung zu sichern“, erklärte Kullmann. Er verwies auf eine unzureichende Netzinfrastruktur, die er mit der in Albanien verglich, und beklagte das Fehlen von bezahlbarem Wasserstoff. „Wir werden die Kohle mindestens bis 2033 benötigen, voraussichtlich länger“, so der 57-Jährige. Der ursprüngliche bundesweite Kohleausstieg war für 2038 vorgesehen, doch NRW hatte sich mit Bund und RWE Ende 2022 auf eine Vorverlegung auf 2030 geeinigt. Das entsprechende Gesetz des Bundestages sieht eine Revisionsklausel vor, wonach die Bundesregierung spätestens zum 15. August 2026 über die Verlängerung der Reserveblöcke Niederaußem K sowie Neurath F und G bis 2033 entscheiden muss.
Kritik an „Greta-Hörigkeit der Politik“
Kullmann machte die „Greta-Hörigkeit der Politik“ für die verfehlte Energiepolitik verantwortlich. „Es ist Zeit, auf Wachstum umzusteuern“, forderte er. Der Evonik-Chef betonte, dass die deutsche Chemieindustrie unter den hohen Energiepreisen leide und eine Verschiebung der Klimaziele notwendig sei, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. „Die deutsche Energiewende hat bislang rund 1000 Milliarden Euro gekostet. Und was hat sie uns gebracht? Nichts“, so Kullmann. Der Anteil Deutschlands an den globalen CO2-Emissionen betrage lediglich 1,6 Prozent. „Für das Weltklima ist es unerheblich, wann wir klimaneutral werden. Für das Überleben der deutschen Chemie aber nicht“, sagte der Konzernchef.
NRW-Kohleausstieg unter Druck
Die Vereinbarung zum Kohleausstieg in NRW war ein Kernprojekt der schwarz-grünen Landesregierung von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU). Dieser hatte stets betont, dass der Ausstieg nur gelinge, wenn rechtzeitig neue wasserstofffähige Gaskraftwerke und gesicherte Kraftwerkskapazitäten entstehen. Kullmanns Kritik zeigt, dass die Industrie diese Voraussetzungen als nicht erfüllt ansieht. Evonik, das drittgrößte deutsche Chemieunternehmen mit Sitz in Essen, hatte erst im Juni Stellenstreichungen angekündigt, was die angespannte wirtschaftliche Lage des Konzerns unterstreicht.



