Frankreich nutzt Deutschland für Atomgeschäft mit Russland – Putin profitiert
Frankreichs Atomdeal mit Russland in Deutschland schadet Sanktionen

Die Europäische Union verschärft ihre Russland-Sanktionen, doch die Atomindustrie bleibt weiterhin ausgeklammert. Diese Lücke nutzt Frankreich aus: Im niedersächsischen Lingen produziert ein französisches Unternehmen gemeinsam mit dem staatlichen russischen Atomkonzern Rosatom Brennelemente – mit möglichen russischen Kriegsverbrechern an Bord.

Wie die Kooperation in Lingen zustande kam

Seit 1979 stellt die Advanced Nuclear Fuels GmbH (ANF) in Lingen Brennelemente her. Die Firma ist die Kernbrennstoffsparte des französischen Framatome, das zum staatlichen Energiekonzern EDF gehört. Mit dem deutschen Atomausstieg brachen die wichtigsten Kunden weg. Die Fabrik war zeitweise nur zu 23 Prozent ausgelastet, wie die Grünen kritisieren. Um neue Abnehmer zu gewinnen, setzte ANF auf Atomkraftwerke in Osteuropa und Finnland, die vor Jahrzehnten nach sowjetischem Vorbild gebaut wurden. Diese benötigen sechseckige Brennelemente – ein Design, das bisher ausschließlich in Russland gefertigt wird.

Der Plan: Statt von Putin direkt zu kaufen, sollen die Betreiber künftig aus Lingen beliefert werden. Bulgarien, Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Finnland haben entsprechende Verträge unterzeichnet. Allerdings fehlt ANF die Erfahrung mit der hexagonalen Bauweise. Die ersten Lieferungen sollten bereits 2024 erfolgen, doch die Produktion hinkt hinterher. Deshalb holte sich ANF Hilfe vom bisherigen Monopolisten – der Brennstofftochter TVEL des russischen Rosatom-Konzerns.

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Risiken für die Sicherheit

Schon seit zwei Jahren helfen TVEL-Mitarbeiter beim Aufbau der Anlagen und schulen ANF-Personal – zunächst in einem alten Möbellager, um die strengen Sicherheitsvorschriften der Brennelementefabrik zu umgehen. Das niedersächsische Umweltministerium unter Minister Christian Meyer (Grüne) erteilte die Genehmigung, obwohl Meyer selbst Bedenken äußerte. Doch bei der Prüfung hatte das Ministerium kein Veto-Recht: Es durfte nur nach dem Atomgesetz entscheiden, nicht aus sicherheitspolitischen Gründen. Das alleinige Veto-Recht liegt bei der Bundesregierung, die jedoch keinen Konflikt mit Frankreich riskieren will. Im Weltnuklearbericht 2024 heißt es unter Berufung auf Regierungsquellen: „Das Kanzleramt möchte in einem Bereich von geringer strategischer Bedeutung nichts unternehmen, was Frankreich als Stolperstein betrachten könnte.“

Der Industrieexperte Sebastian Stier, der für den Jahresbericht der Weltnuklearindustrie WNISR arbeitet, warnt vor den Gefahren: „Solche Anlagen sind Hochsicherheitsbereiche. Es gibt strenge Auflagen, wer das Gelände betreten darf. Die Mitarbeiter müssen überprüft werden. Und jetzt will man auf einmal Mitarbeitern einer russischen Firma, die an der Besetzung des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja beteiligt ist, Zugang gewähren? Man kann sich ausmalen, welches Gefahrenpotenzial vorhanden ist.“

Widersprüchliche Auflagen

Die Politik versucht, die Sicherheitsbedenken mit einem 149-seitigen Maßnahmenkatalog zu entkräften. Grundsätzlich dürfen TVEL- und Rosatom-Mitarbeiter das Werksgelände nicht betreten. Die russischen Maschinen und die dazugehörige Software müssen extern überprüft werden. Die Anlagen dürfen nicht mit anderen IT-Systemen vernetzt sein. Eingeführte Brennstäbe aus Russland müssen vor der Weiterverarbeitung auf Manipulation geprüft werden. Allerdings räumt das Ministerium eine Ausnahme ein: Wenn ANF ein „Konzept zur Risikominimierung“ vorlegt, dürfen TVEL-Mitarbeiter doch die Fabrik betreten – vorausgesetzt, sie wurden zuvor auf Zuverlässigkeit geprüft und werden ständig von zwei geschulten ANF-Mitarbeitern beaufsichtigt.

Stier bezweifelt, dass dies ausreicht: „Das sind ganz andere Brennelemente. Die Mitarbeiter von ANF haben keinerlei Erfahrung damit. Sie haben zwar in einem Schulungsverfahren außerhalb der Fabrik gelernt, wie man mit diesen Maschinen arbeitet, aber was passiert, wenn ein Problem auftritt? Diese Brennelemente müssen strikten Anforderungen genügen. Wenn Grenzwerte nicht eingehalten werden, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass man auf die jahrzehntelange Erfahrung von russischen Mitarbeitern zurückgreift.“

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Politische Unterstützung trotz Bedenken

Die Grünen versuchten im Dezember 2025, das Projekt über den Bundestag zu stoppen. Doch Union und SPD lehnten den Antrag gemeinsam mit der AfD ab. Die deutsche Politik fügt sich damit den französischen Wirtschaftsinteressen. Framatome und Rosatom arbeiten bereits seit Jahren eng zusammen. Ende 2025 ging nahe der ukrainischen Grenze das neue russische Atomkraftwerk Kursk in Betrieb, für das Framatome die Reaktorsicherheitssysteme lieferte – mutmaßlich mit Monteuren vor Ort. Weitere Gemeinschaftsprojekte folgen: Paks in Ungarn, El-Babaa in Ägypten, Akkuyu in der Türkei. Stier konstatiert: „Es gibt keine Anzeichen, dass diese Zusammenarbeit irgendwie beendet werden soll. Sollte Rosatom neue Ausschreibungen im Ausland gewinnen, ist damit zu rechnen, dass auch französische Technik eingebaut wird.“

Dabei gäbe es eine Alternative: Framatome könnte mit dem US-kanadischen Konzern Westinghouse kooperieren, der bereits ein eigenes Design für sechseckige Brennelemente entwickelt hat. Doch Framatome sieht in Westinghouse eher einen Konkurrenten als einen Partner. Der Gewinner der französischen Atomgeschäfte ist Wladimir Putin: Er verdient künftig mit Brennelementen „Made in Germany“ und bleibt an der Versorgung der europäischen Energieinfrastruktur beteiligt.