Gastkommentar: Wer nur an Lithium denkt, hat Salz vergessen
Die EU sortiert Rohstoffe in wichtig und weniger wichtig. Damit schafft sie eine gefährliche Illusion von Sicherheit, warnen K+S-Chef Christian Meyer und Covestro-Chef Markus Steilemann.
Erst Energie, dann Hightech, jetzt Ernährung – in immer kürzeren Abständen bekommt die Welt zu spüren, was passiert, wenn wichtige Rohstoffe plötzlich knapp werden: Gas aus dem mit Sanktionen belegten Russland, seltene Erden vom Quasimonopolisten China, Düngemittelvorprodukte wie Schwefel und Ammoniak aus dem umkämpften Nahen Osten.
Deutschland und Europa werden sich zunehmend ihrer strategischen Abhängigkeiten bewusst. Politisch bekommt das Thema Rohstoffsicherheit endlich die Aufmerksamkeit, die ihm längst gebührt. Und gerade deswegen irritiert es, dass unsere Reaktion auf die gehäuften Krisen und Schocks nach wie vor zu wenig durchdacht und zu kleinteilig ausfällt.
Zwar nimmt immerhin die Vernetzung zu: Auf dem „Raw Material Summit 2026“ in Brüssel kamen Ende Mai zahlreiche Vertreter aus Regierungen, EU-Kommission, Konzernen, Start-ups und Investmentbranche zusammen. Genau solch einen breiten Ansatz braucht es dringend. Dennoch blicken wir nach wie vor zu selektiv auf einzelne Rohstoffe und Sektoren. Und ignorieren die Verkettung der gesamten Grundstoffindustrien: Bergbau, Chemie, Stahl oder Zement – alle sind aufs Engste miteinander verflochten.
Die aktuelle EU-Strategie fokussiert sich stark auf Lithium, Kobalt und Seltene Erden für die Energiewende und Digitalisierung. Doch dabei geraten andere, ebenso kritische Rohstoffe wie Kali, Salz oder Phosphat aus dem Blickfeld. Diese sind für die Landwirtschaft und die chemische Industrie unverzichtbar. Eine einseitige Konzentration auf Hightech-Metalle erzeugt eine trügerische Sicherheit, während die Abhängigkeiten in anderen Bereichen weiter wachsen.
Es ist höchste Zeit, dass die Politik die gesamte Breite der Rohstoffversorgung in den Fokus nimmt. Nur ein integrierter Ansatz, der alle Grundstoffindustrien berücksichtigt, kann langfristige Versorgungssicherheit gewährleisten. Die Vernetzung auf dem Gipfel in Brüssel ist ein erster Schritt, aber es müssen konkrete Maßnahmen folgen – von der Diversifizierung der Lieferketten bis hin zum Ausbau heimischer Ressourcen.
Die Autoren Christian H. Meyer und Markus Steilemann appellieren daher an die Entscheidungsträger: Denken Sie nicht nur an Lithium, sondern auch an Salz und andere strategische Rohstoffe. Nur so kann Europa seine Abhängigkeiten nachhaltig reduzieren und echte Resilienz aufbauen.



