Wellenenergie: Kann sie der Windkraft in Europa Konkurrenz machen?
Wellenenergie: Konkurrenz für Windkraft in Europa?

Im Atlantischen Ozean vor der baskischen Küste Spaniens treibt eine riesige Boje unter der Meeresoberfläche. Sie ist an starken Seilen über dem Grund befestigt und folgt einer kreisförmigen Bewegung, die durch den Wellengang angetrieben wird. Diese Riesenboje soll die Energie des Meeres nutzbar machen. „Wir machen aus Wellen Elektrizität“, sagt Jonathan Fiévez, CEO des australischen Unternehmens Carnegie Clean Energy, das auf Wellenenergie setzt.

Wie Wellenenergie funktioniert

Die Boje nutzt die ständige Bewegung des Meeres, um einen Generator anzutreiben und Strom zu erzeugen. Das heißt, die Kraft der Wellen wird genutzt – und somit eine erneuerbare Energiequelle, die bislang kaum erschlossen ist. Die Technologie könnte Europa unabhängiger von fossilen Importen machen. Zunächst muss die Branche allerdings ein grundlegendes Problem lösen.

Wie wichtig eine weitere Energiequelle ist, haben der Irankrieg und die Schließung der Straße von Hormus gezeigt. Über die Meerenge werden große Mengen Öl und Gas transportiert. Die Blockade der Seestraße und die Zerstörung von Anlagen treffen den globalen Energiehandel daher stark. Wellenenergie könnte insbesondere in Küstenstaaten wie Spanien, Portugal oder Großbritannien eine zusätzliche Stromquelle sein.

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Potenzial der Wellenenergie in Europa

An den Atlantikküsten Europas sind die Bedingungen günstig: Laut einer aktuellen Auswertung des Branchenverbands Ocean Energy Europe könnte Wellenenergie theoretisch mehr als 100 Prozent des heutigen Strombedarfs von Portugal und Irland decken, rund 55 Prozent in Großbritannien und mehr als 30 Prozent in Spanien. „Es handelt sich um eine vorhersehbare, konsistente Energiequelle, die auch ohne Wind und Sonne funktioniert“, sagt Fiévez. Laut dem Carnegie-Chef zeigten Rechnungen, dass Wellenfarmen für die gleiche Stromausbeute fünfmal weniger Fläche benötigen als Windparks.

Noch ist die Technologie allerdings deutlich teurer als etablierte Erneuerbare, da sie sich noch im Demonstrations- und frühen Markthochlauf befindet. Erst 2030 könnten die Stromgestehungskosten (LCOE) an günstigen Standorten auf 70 Euro pro Megawattstunde fallen. Das läge ungefähr in der Größenordnung moderner Offshore-Windparks. Gegen günstigen Solarstrom oder Onshore-Wind würde Wellenenergie voraussichtlich weiterhin meist teurer bleiben.

Expertenstimmen zur Zukunft der Wellenenergie

Experten sehen in der Technologie durchaus Potenzial, etwa Brian Polagye, Professor für Maschinenbau an der University of Washington und Experte für Technologien zur Gewinnung erneuerbarer Energien aus Ozeanen. „Es ist nicht unrealistisch, dass sich Wellenenergie in den nächsten fünf bis zehn Jahren gut etabliert“, sagt er. Voraussetzung sei aber, dass die Technologie in größeren Maßstäben installiert und somit von Skaleneffekten profitieren kann.

Denn bisher kämpfen viele Wellentechnologieunternehmen um ihr finanzielles Überleben, da sie nicht profitabel sind. So musste auch Carnegie wegen einer gescheiterten Expansion in das Solargeschäft 2019 saniert werden. Zwar gelang die Restrukturierung, die finanzielle Situation bleibt jedoch angespannt.

Finanzielle Hürden und Fördermittel

In seinem Finanzbericht für das Geschäftsjahr 2025 meldete Carnegie einen Verlust von etwa 2,3 Millionen australischen Dollar. Das Unternehmen weist in seinem Finanzbericht auf eine „materielle Unsicherheit“ hinsichtlich der Fortführung des Unternehmens hin, solange kein neues Kapital gesichert ist. Das Problem: Bisher lässt sich die Technologie nicht wirtschaftlich betreiben. Die Anlagen müssen auf dem Meer hohen Belastungen dauerhaft standhalten. Wellenenergie sei daher im Anfangsstadium auf Förderprogramme angewiesen, sagt Polagye. Ein Instrument könnten zum Beispiel staatlich abgesicherte Preisdifferenz-Modelle sein, bei denen der Staat die Differenz zwischen Industriestrompreis und den höheren Preisen für Wellenenergie übernehme.

Die Europäische Union setzt bereits auf Förderprogramme, um Wellenenergie zu entwickeln. Bis 2030 will die EU-Kommission mindestens ein Gigawatt Ozeanenergie installieren – eine Leistung in der Größenordnung eines großen Kohle- oder Kernkraftwerks. Das entspricht Investitionen von rund fünf Milliarden Euro. Carnegie ist dabei ein zentraler Akteur im sogenannten „Europewave“-Programm.

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Das Europewave-Projekt vor Bilbao

An der staatlichen Teststation BiMEP (Biscay Marine Energy Platform) vor Bilbao arbeitet das Unternehmen derzeit an der dritten Phase seines Projekts: Die zentralen Komponenten für die Stromerzeugung wurden bei Partnerunternehmen, darunter SKF in Deutschland, montiert und für den Einsatz vorbereitet. Im Oktober 2026 soll die Boje vor der baskischen Küste installiert und ans Stromnetz angeschlossen werden. Finanziert wird das Vorhaben mit etwa sieben Millionen Euro aus EU-, spanischen und baskischen Fördermitteln.

Nach dem Demonstrationsprojekt vor der spanischen Küste soll bis 2029 dort voraussichtlich eine erste Pilotanlage mit einer Leistung von sechs Megawatt entstehen. In einem weiteren Schritt ist Anfang der 2030er-Jahre der Aufbau größerer kommerzieller Projekte vorgesehen, die Rede ist von einer Leistung von bis zu 200 Megawatt. Hier können auch andere EU-Standorte infrage kommen.

Verschiedene Technologieansätze und Herausforderungen

Die Branche setzt auf ganz unterschiedliche Ansätze: Das schwedische Unternehmen Corpower Ocean erzeugt Strom mit bojenartigen Schwimmkörpern, Mocean Energy mit beweglichen Schwimmkörpern auf der Wasseroberfläche. Das dänische Unternehmen Wavepiston wiederum nutzt unter Wasser angeordnete Platten, die von den Wellen in Bewegung gesetzt werden. Doch bisher kämpfen alle Ansätze mit den hohen Kosten. Die Instandhaltung im salzhaltigen, stürmischen Ozean ist extrem teuer.

Die größte Herausforderung seien aber die Stürme in Ozeanen, denen die Anlagen standhalten müssen, sagt Wellenenergie-Experte Polagye. Viele Unternehmen setzen daher auf Steuerungssysteme, mit denen ihre Geräte während schwerer Stürme die Art und Weise anpassen können, wie sie mit den Wellen interagieren. Carnegie nutzt künstliche Intelligenz, um die Größe herannahender Wellen in Echtzeit zu berechnen. Je nach Wellengang wird die Steuerung der Anlage entsprechend angepasst. So soll sie möglichst viel Energie erzeugen, ohne bei starkem Wellengang übermäßig belastet zu werden.

Vorteile der Unterwasser-Boje

Zudem befindet sich die Boje vollständig unter Wasser, anders als bei vielen Systemen der Konkurrenz, die auf schwimmende Anlagen setzen. Laut Experte Polagye bietet der Betrieb unter Wasser erhebliche Vorteile, darunter einen geringeren Verschleiß der Anlage. Doch es gebe auch einen großen Nachteil: „Das in den Wellen verfügbare Energiepotenzial nimmt mit zunehmender Eintauchtiefe exponentiell ab“, sagt er. Entscheidend sei also, dass die Anlage einerseits tief genug unter der Wasseroberfläche platziert werde, um ihren Schutz sicherzustellen, andererseits aber nicht so tief, dass das verfügbare Energiepotenzial erheblich eingeschränkt werde, sagt der Experte. Hier kommt Carnegies KI-basierte Steuerung ins Spiel, die die Boje bei Sturm automatisch tiefer abtauchen lassen soll.

Gelingt der Nachweis eines zuverlässigen und wirtschaftlichen Betriebs, könnte das der Wellenenergie neue Möglichkeiten geben. Vorausgesetzt, es finden sich genügend Abnehmer.