In der Gastronomie sind sie längst Alltag – nun drohen digitale Trinkgeldabfragen auch im Modehandel. Rolf Pangels, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands für Textil, Schuhe und Lederwaren, hält eine Ausweitung des Trends für denkbar. „Wer freundlich ist und gut berät, sollte belohnt werden“, sagte er. Angestellte holten passende Größen aus dem Lager, zeigten Alternativen und gäben Pflegehinweise – ein Service, der eine Extravergütung rechtfertigen könne.
Digitale Zahlungsterminals als Türöffner
Moderne Zahlungsterminals machen die Abfrage technisch einfach: Nach dem Bezahlvorgang erscheint ein Bildschirm mit Trinkgeldvorschlägen. Pangels zufolge experimentieren bereits einige Unternehmen, auch aus dem Bekleidungssektor, mit dieser Funktion. „Wir wissen, dass einige Unternehmen derzeit mit dem Thema experimentieren, um ein grundsätzliches Feedback der Kunden zu erhalten und ebenso die Verkäuferinnen und Verkäufer zu sensibilisieren.“ Namen nannte er nicht. Die Schuhhandelsketten Aktiv Schuh und Shoe City haben die Abfrage bereits eingeführt – dort werden Kunden bei der Kartenzahlung seit Kurzem Trinkgeldvorschläge angezeigt.
Kunden reagieren zurückhaltend
Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist jedoch gering. Laut einer repräsentativen YouGov-Umfrage wären nur 27 Prozent der Befragten bereit, etwa für gute Beratung Trinkgeld zu geben. Zwei Drittel lehnen die Idee kategorisch ab. Für die Erhebung wurden im Juli mehr als 2.000 Menschen befragt. Ulrich Binnebößel, Zahlungsverkehrsexperte des Handelsverbands Deutschland (HDE), sieht die Entwicklung ebenfalls skeptisch: „Soweit uns bekannt ist, planen große Handelsketten derzeit keine flächendeckende Einführung von Trinkgeldabfragen.“ Zwar seien Einzelfälle bekannt, aber ein allgemeiner Trend zeichne sich nicht ab.
Motivation für Verkäufer oder unnötiger Druck?
Befürworter wie Pangels argumentieren, dass Trinkgeld die Mitarbeiterbindung stärken und Anreize für bessere Beratung schaffen könne. Kritiker befürchten hingegen, dass Kunden unter Druck gesetzt werden oder sich genötigt fühlen. Der HDE betont, dass es derzeit keine flächendeckenden Pläne großer Handelsketten gebe. Ob sich die Praxis im Modehandel durchsetzt, bleibt abzuwarten – die Stimmung der Verbraucher spricht derzeit eine andere Sprache.



