Baustellen-Hölle in Neukölln: Howoge-Mieter fühlen sich alleingelassen
Mieter in Neukölln: Howoge-Sanierung wird zur Zumutung

Rund um den Michael-Bohne-Ring 12 bis 16 in Neukölln ist die Welt gerade eine einzige Baustelle. Bauzäune grenzen die drei Wohnhäuser der High-Deck-Siedlung ab, Container stehen bereit, Schuttberge türmen sich. Bauarbeiter mit Schutzhelmen wuseln durch das Gelände, während ein Presslufthammer dröhnt. Weiße Staubpartikel legen sich auf Kleidung, Haare und Fensterbänke. Fatma Ismail, die seit 2009 in einem der Häuser wohnt, schaut mit sorgenvoller Miene auf das Treiben. „Es ist schrecklich, was uns hier angetan wird“, sagt die Mieterin.

Das städtische Wohnungsunternehmen Howoge saniert die Häuser in der Großsiedlung – innen wie außen, und das gleichzeitig. Neben Fassade, Dach, Fluren und Treppenhäusern werden in den einzelnen Wohnungen Fenster, Heizungen, Bäder, Küchen und Balkone erneuert. Auch neue Leitungen, Rohre und Fliesen werden verlegt. Die Arbeiten laufen seit Wochen auf Hochtouren.

Sanierung der 1970er-Jahre-Siedlung ist überfällig

Dass die Häuser saniert werden müssen, bestreitet niemand. Als die Howoge die Siedlung vor vier Jahren übernahm, war sie in einem desolaten Zustand. Berichte über Schädlingsbefall, Legionellen und Wasserschäden machten die Runde. Doch die Kritik der Mieter richtet sich nicht gegen das Ob, sondern gegen das Wie. Angekündigt hatte die Howoge lediglich „zeitweise Einschränkungen“ – die Realität sieht für viele Bewohner allerdings drastischer aus.

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Insgesamt werden 240 Wohnungen in den drei Häusern saniert, wie die Howoge auf Anfrage mitteilt. 170 davon sind vermietet. In vielen Wohnungen sind Küche und Bad für Wochen nicht benutzbar, weil die sogenannte Strangsanierung der Ver- und Entsorgungsleitungen unaufschiebbar ist. Fatma Ismail erlebt die Zustände hautnah: „Teilweise vibriert das gesamte Haus, und es ist eine Staubbelastung bis zum Gehtnichtmehr.“ Sie fühle sich „wie im Knast“ – hinter Bauzäunen eingepfercht. Eine Familie mit drei Kindern harrt nach ihren Worten zeitweise hinter einer Plane aus. Ein Nachbar lebe seit sieben Wochen ohne Küche und Bad.

Sanitärcontainer statt eigener Dusche

Als Ausweichmöglichkeit hat die Howoge zwei Sanitärcontainer aufstellen lassen – einen für Männer, einen für Frauen. Fatma Ismail hält das für unzumutbar: „Wir befinden uns in Neukölln in der High-Deck-Siedlung – als Frau geht man nicht einfach nachts zum Duschen.“ Sie verweist auf verhüllte Frauen, die unter den Bedingungen besonders leiden. Die Howoge versichert, die Container würden von einem Sicherheitsdienst überwacht. Bei einem Vor-Ort-Besuch der Berliner Morgenpost war jedoch kein Sicherheitspersonal zu sehen.

Howoge: „Individuelle Lösungen“ für betroffene Mieter

Die Howoge räumt auf Anfrage ein, dass während einzelner Bauphasen „zeitweise deutliche Einschränkungen unvermeidbar“ seien. Aktuell seien in 42 der 240 Wohnungen Küche und Bad nicht nutzbar. Nur zwei Mietparteien seien auf eigenen Wunsch in der Wohnung geblieben. Für alle anderen würden Ersatzwohnungen, Hotelunterkünfte oder die Unterbringung bei Verwandten organisiert. Ein Beispiel für die Enge: Stehen den Bewohnern einer 33-Quadratmeter-Wohnung nur noch 15 Quadratmeter zum Leben zur Verfügung, sei das die Folge der Strangsanierung. Zugleich betont das Unternehmen, dass eine Umsetzung für die gesamte Dauer der Gesamtmaßnahme weder erforderlich noch organisatorisch für alle Mietparteien darstellbar sei.

Doch der Berliner Mieterverein kritisiert die Informationspolitik. Einigen Mietern seien keine konkreten Ersatzwohnungen angeboten worden, sondern lediglich geringe Geldzahlungen. Erst nach Druck der Mieterinitiative habe sich die Howoge bewegt, sagt Geschäftsführer Sebastian Bartels: „Die Mieter haben einen Anspruch auf eine Ersatzwohnung, wenn die Wohnung nicht bewohnbar ist. Das wurde von der Landeseigenen nicht transparent kommuniziert.“

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150 Euro pro Woche und keine Wohnung

Fatma Ismail berichtet von „unseriösen Deals“. So sollen Teams der Howoge durch die Häuser gegangen sein, um Mietern für das Ausharren in der Wohnung 150 Euro pro Woche anzubieten – ausgezahlt allerdings erst nach Abschluss der Bauarbeiten. „Was soll ich mit 150 Euro? Dafür bekomme ich in Berlin keine Unterkunft“, sagt die Mieterin. Sie selbst musste lange kämpfen, um eine Ersatzwohnung zu bekommen. Nur mit Unterstützung einer Sozialarbeiterin habe sie schließlich eine Zusage erhalten. Viele andere warten noch darauf.

„Das Ganze hat System“

Für Ismail ist die Situation kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem: „Viele Mieter kennen ihre Rechte nicht, verstehen kein Deutsch. Das nutzt die Howoge aus.“ Sie wisse nur von einer Handvoll Mietern, die bisher eine Ersatzwohnung bekommen hätten. Aus Sicht des Mietervereins müsse gerade ein landeseigenes Unternehmen eine Vorbildfunktion einnehmen. „Wir erwarten, dass klar und für alle verständlich die Bedarfe für Umsetzwohnungen erfragt und maßgeschneiderte Lösungen angeboten werden“, so Bartels.

Schutzversprechen versus Wirklichkeit

Die Howoge betont, die Sicherheit der Bewohner habe höchste Priorität. Arbeitsbereiche seien abgetrennt und für Mieter nicht zugänglich, es gebe klare Absperrungen und abgestimmte Wegeführungen. Die Realität auf der Baustelle sieht anders aus: Die Sanitärcontainer stehen frei zugänglich, Planen, Müll und Schutt liegen herum. Im Eingangsbereich eines Hauses ist die Decke aufgerissen, Rohre und Kabel hängen herab. Ein kleiner Draht löst sich und trifft die Reporterin am Kopf.

Steigende Nebenkosten und Verdrängungsangst

Mit der Sanierung kommen auf die Mieter auch finanzielle Lasten zu. Während die Instandhaltungskosten das Unternehmen trägt, werden die Modernisierungskosten auf die Miete umgelegt. Fatma Ismail sieht darin eine Art Verdrängung. Sie bestreitet nicht, dass die Wohnungen modernisiert werden müssen, bemängelt aber den Begriff: „Modernisierung ist irreführend. Das ist Schadensbegrenzung, bevor das Ding hier unbewohnbar wird.“ Sie zeigt einen Ordner mit Korrespondenz, der jahrelange Versäumnisse dokumentiert: kaputte Badewanne, undichte Fenster, Schmutz und Schädlinge. Auch unter der Regie der Howoge habe sich die Kommunikation nicht verbessert. Bartels rät den Mietern, den Zustand der Wohnungen und Häuser genau zu dokumentieren – als Schutz bei späteren Streitigkeiten über den Instandsetzungsabzug.

Fatma Ismail zieht ein bitteres Fazit: „Es ist schrecklich, was uns hier angetan wird.“ Sie hat inzwischen zwar eine Ersatzwohnung in Aussicht, aber viele Nachbarn warten weiter auf eine Lösung – in einer Siedlung, die zur Dauergrube geworden ist.