Ein Premier zum Anfassen
Bei einem seiner ersten öffentlichen Auftritte betrat Andy Burnham eine Kneipe im englischen Essex. Er bestellte Fish and Chips, prostete den Gästen zu und ließ sich bereitwillig fotografieren. Die Bilder von einem Premierminister, der in einer Alltagskneipe Pommes isst, gingen in den sozialen Netzwerken viral. Die Briten feiern ihren neuen Regierungschef für diese ungewohnte Volksnähe.
Doch die Chips-Aktion ist nur ein Schlaglicht auf einen Regierungswechsel, der in den ersten Tagen grundlegende Veränderungen verspricht. Andy Burnham, der kürzlich zum Premierminister gewählt wurde, macht vieles anders als sein Vorgänger Keir Starmer. Das gilt für den politischen Stil ebenso wie für konkrete Maßnahmen: Er will die Buspreise deckeln, die Obdachlosigkeit entschlossen bekämpfen und einen Teil der Regierung nach Nordengland verlegen. Und er zeigt keine Angst davor, als Populist bezeichnet zu werden.
Buspreis-Deckel und Kampf gegen Obdachlosigkeit
In seiner ersten Regierungserklärung kündigte Burnham an, die Ticketpreise für Busse landesweit zu begrenzen. Gerade in ländlichen Gebieten und strukturschwachen Regionen sind viele Menschen auf den Bus angewiesen. Die Preisdeckelung soll Familien und Geringverdiener spürbar entlasten. Wie die finanziellen Ausfälle für die Verkehrsbetriebe kompensiert werden sollen, bleibt allerdings offen – ein Punkt, an dem sich die Kritik bereits festmacht.
Ähnlich ambitioniert ist das Ziel, die Obdachlosigkeit in Großbritannien deutlich zu reduzieren. Burnham verspricht ein umfassendes Programm aus bezahlbarem Wohnraum, psychosozialer Betreuung und Arbeitsangeboten. In seiner Zeit als Bürgermeister von Greater Manchester gelang es ihm bereits, die Zahlen obdachloser Menschen zu senken. Nun soll das Modell landesweit ausgeweitet werden.
Regierungssitz im Norden: Symbol und Politik
Ein weiteres Signal setzte Burnham mit der Ankündigung, einen offiziellen Regierungssitz im Norden Englands zu eröffnen. Der Norden fühlt sich seit Langem von der Londoner Politik vernachlässigt. Mit der Verlagerung von Ministerienbüros und Behörden will Burnham zeigen, dass er die Regionen ernst nimmt. Der Schritt ist symbolisch hoch aufgeladen – und könnte langfristig die Machtbalance im Land verschieben.
Kritiker sprechen von politischem Aktionismus. Doch Burnham kontert: Es gehe nicht um Symbolik, sondern um die Veränderung von Lebensrealitäten. Er verspricht, dass konkrete Entscheidungen künftig auch außerhalb der Hauptstadt vorbereitet werden. Ob das die Effizienz der Regierung erhöht oder eher neue Bürokratie schafft, wird sich weisen müssen.
Keine Angst vor dem Populismus-Vorwurf
Bemerkenswert ist Burnhams Umgang mit dem Begriff Populismus. Anders als viele Politiker, die sich gegen diese Zuschreibung verwahren, zeigt er sich unbeeindruckt. Er macht keinen Hehl daraus, dass er die Volksnähe sucht – notfalls auch mit Symbolpolitik wie dem Besuch im Pub. Diese Haltung unterscheidet ihn von seinem Vorgänger Starmer, dessen Regierungsstil als distanziert galt.
Burnham selbst sieht das anders. Er argumentiert, dass die etablierten Parteien zu lange an den Menschen vorbeigeredet hätten. Genau diese Haltung macht ihn bei vielen Wählern beliebt, auch wenn unklar bleibt, wie viel Substanz hinter der Inszenierung steckt.
Wie lange trägt die Strategie?
Die erste Euphorie könnte schnell verfliegen. Die Deckelung der Buspreise kostet Geld, das andere Projekte fehlen wird. Der Kampf gegen Obdachlosigkeit ist ein langwieriger Prozess, dessen Ergebnisse nicht sofort sichtbar sind. Und der Regierungsumzug nach Nordengland dürfte in der Praxis auf den Widerstand von Ministerialbeamten stoßen, die nicht umziehen wollen.
Politikwissenschaftler sehen Burnhams Start als Versuch, den Vertrauensverlust in die Politik zu stoppen. Ob die Rechnung aufgeht, hängt davon ab, ob er seine Versprechen einlösen kann. Die Briten feiern ihn heute für Chips im Pub – in einigen Monaten werden sie ihn an seinen Ergebnissen messen.
Der Premier selbst gibt sich zuversichtlich. Weitere Pub-Besuche sind bereits angekündigt. Die Chips im Essex waren für ihn nicht nur eine PR-Aktion, sondern der Auftakt zu einem Politikstil, der Großbritannien verändern könnte – oder an der Realität scheitert.



