Künstliche Intelligenz treibt bereits jetzt die Wirtschaft an, doch ob sie eine ähnlich transformative Kraft wie der Personal Computer wird, könnte sich erst in ein bis zwei Jahren zeigen, erklärt Joseph H. Davis, Ökonom und Autor eines Gastbeitrags. Davis rechnet für 2027 mit einem Wachstum des US-Bruttoinlandsprodukts von drei Prozent – deutlich über anderen Expertenprognosen. Damit sich diese Prognose bewahrheitet, muss KI ihre derzeitige Automatisierungsphase hinter sich lassen, in der sie nur menschliche Aufgaben übernimmt, und in eine Phase der Erweiterung übergehen.
KI als Allzwecktechnologie: Von der Automatisierung zur Erweiterung
In der Automatisierungsphase ersetzt KI menschliche Tätigkeiten, was kurzfristig Effizienzgewinne bringt. Erst die Erweiterungsphase werde jedoch Arbeitskräfte leistungsfähiger machen und Produkte, Dienstleistungen sowie Branchen ermöglichen, die heute noch unvorstellbar seien. Laut Davis wird erst die Realisierung dieser beiden Phasen darüber entscheiden, ob KI jemals zu einer Allzwecktechnologie wird – ähnlich wie Elektrizität oder der PC. Der Vergleich mit historischen Technologien zeigt, dass deren volle wirtschaftliche Wirkung oft Jahre oder Jahrzehnte benötigte.
Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: Angst vor Jobverlust und Chancen durch Produktivität
Bedenken, dass KI Arbeitsplätze vernichten könnte, seien verständlich, so Davis. Kritiker übersähen jedoch, dass neue Arbeitsplätze entstehen und dass höhere Produktivität zu höheren Einkommen und Ausgaben führe. „Fragen Sie doch einmal Buchhalter, wie sich ihr Leben durch Computersoftware verändert hat. Ihre Arbeitsleistung stieg dramatisch an“, argumentiert der Ökonom. Eine voll ausgereifte KI würde Produktivitätsgewinne freisetzen, die die negativen Auswirkungen einer alternden Bevölkerung, sinkender Geburtenraten und rückläufiger Einwanderung ausgleichen – und wahrscheinlich sogar übertreffen – würden. Der Prozess von KI-Investitionen zu weitreichenden Produktivitätssteigerungen werde sich jedoch über Jahre vollziehen.
Historische Parallelen: Wer profitierte von Elektrizität und Automobil?
Davis zieht Vergleiche mit früheren bahnbrechenden Technologien: Elektrizität verschaffte Herstellern, die ihre Fertigungsstraßen rund um die Uhr betreiben konnten, mehr Wohlstand als den Energieversorgern. Das Automobil brachte Bauunternehmern in den Vorstädten und Einzelhändlern finanziell mehr ein als den Autoherstellern selbst. Dieses Muster könnte sich bei KI wiederholen. Die derzeitige Aufbauphase werde einer Konsumphase weichen, in der Endnutzer branchenübergreifend den größten Nutzen ziehen. Die Märkte schätzen das wirtschaftliche Potenzial der KI zwar richtig ein, bewerten aber die falschen Unternehmen: Die Aktienbewertungen, insbesondere bei US-Technologieunternehmen mit hoher Marktkapitalisierung, preisen bereits einen Großteil des potenziellen Aufwärtspotenzials der KI ein, während die wahren Nutznießer noch unterbewertet sein könnten.
KI-Investitionen: Aktienkurse eilen der Realität voraus
Davis warnt, dass die Märkte der wirtschaftlichen Realität weit vorausgeeilt seien. Unternehmen, die transformative Technologien entwickeln, profitieren selten am meisten von deren langfristigem Wert. Vielmehr kommen diese Vorteile den Nutzern zugute. So könnten Gesundheitsdienstleister Verwaltungsaufgaben automatisieren und die Diagnosegenauigkeit verbessern, Finanzdienstleister individuellere Beratung zu geringeren Kosten anbieten und Unternehmensdienstleister menschliches Fachwissen durch KI-gestützte Analysen ergänzen. Laut Davis bieten wertorientierte US-Aktien, Märkte außerhalb der USA sowie hochwertige festverzinsliche Wertpapiere in den kommenden fünf bis zehn Jahren allesamt überzeugende Risiko-Rendite-Profile.
Chancen für langfristige Anleger: Fokus auf KI-Anwender
Langfristige Anleger sollten den bevorstehenden Wandel von einer Phase der KI-Entwickler zu einer Phase der KI-Anwender im Blick behalten. „So etwas geschieht jedes Mal, wenn eine bahnbrechende Technologie die Welt verändert“, betont Davis. Für Anleger stelle dieser Wandel sowohl ein Risiko als auch eine Chance dar, die es im Vorfeld der nächsten Phase der KI-Revolution zu nutzen gelte. Anzeichen für eine positive Entwicklung sieht Davis in jüngeren Arbeitskräften, die mit KI-gestützten Fähigkeiten in den Arbeitsmarkt eintreten, in der beschleunigten Gründung von Start-ups außerhalb des Technologiesektors sowie in häufigeren, tatsächlich bahnbrechenden Entdeckungen durch KI-gestützte Forschung. Ob KI die Wirtschaft letztlich positiv verändern wird, sei zwar nicht mit Sicherheit zu sagen, doch die Indizien seien vielversprechend.



