Nach dem Insolvenzantrag der Karl Mayer Kartonagenfabrik GmbH & Co. KG hat das Amtsgericht Tübingen am 29. Juli das vorläufige Insolvenzverfahren eröffnet. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellte das Gericht den Stuttgarter Rechtsanwalt Dr. Sebastian Mielke von der Kanzlei Menold Bezler. Mielke soll die wirtschaftliche Lage des Unternehmens prüfen und einen Sanierungsweg begleiten.
„Nach den Krisenjahren 2024/2025 war das Unternehmen auf gutem Weg zu einem Turnaround“, erklärte Dr. Mielke. „Diesen Sanierungsweg möchten wir jetzt in der Insolvenz fortsetzen.“ Der Geschäftsbetrieb solle uneingeschränkt weiterlaufen. Die Löhne und Gehälter der rund 110 Beschäftigten seien von Juli bis einschließlich September 2026 durch das Insolvenzgeld gesichert.
Ein Traditionsbetrieb aus dem Schwarzwald
Die Karl Mayer Kartonagenfabrik wurde 1958 gegründet und hat sich auf maßgeschneiderte Verpackungslösungen aus Wellpappe spezialisiert. Das Angebot umfasst klassische Faltkartons mit Boden- und Deckelklappen sowie weitere individuelle Verpackungen für Gewerbe- und Industriekunden. Der Hauptsitz liegt in Haiterbach im Landkreis Calw, dazu kommen eine Niederlassung in Ottersweier (Kreis Rastatt) und ein Lager in Altensteig-Spielberg (Kreis Calw).
Das Unternehmen bezeichnet sich selbst als Traditionsbetrieb und pflegt auf sozialen Medien den Kontakt zu Kunden und Ehemaligen. Erst kürzlich wurde dort eine historische Aufnahme des Firmengeländes geteilt – ein Zeichen für die Verbundenheit der Belegschaft mit dem Standort. Ob dieser Zusammenhalt reicht, um die Krise zu überstehen, wird sich in den kommenden Monaten entscheiden.
Sanierung statt Zerschlagung: Das planen die Beteiligten
Ziel des vorläufigen Insolvenzverfahrens ist nicht die sofortige Abwicklung, sondern die Erhaltung des Unternehmens. Dr. Sebastian Mielke spricht von einem „Sanierungsweg“, der nun in geordneten Bahnen fortgesetzt werden soll. Dazu gehört die Suche nach einem Investor, der die Karl Mayer Kartonagenfabrik übernimmt und langfristig weiterführt. Ob bereits Interessenten vorhanden sind, ließ der vorläufige Insolvenzverwalter auf Nachfrage offen.
Für die Beschäftigten ändert sich zunächst wenig: Ihre Arbeitsverträge bleiben bestehen, und das Insolvenzgeld sichert ihre Nettoeinkünfte für drei Monate. Dieses Geld wird von der Bundesagentur für Arbeit ausgezahlt und soll die wirtschaftlichen Folgen der Pleite abfedern. Der Zeitraum von Juli bis September 2026 ist bereits abgedeckt. Wie es danach weitergeht, hängt vom Fortgang des Verfahrens ab.
Bereits die zweite Pleite in der Verpackungsbranche
Erst fünf Wochen vor der Karl-Mayer-Insolvenz hatte ein anderes baden-württembergisches Unternehmen aus der Branche Gläubigerschutz beantragt: die Baiersbronn Frischfaser Karton GmbH. Der Hersteller von Frischfaserkartons beschäftigt rund 220 Mitarbeiter und erwirtschaftete zuletzt einen Jahresumsatz von etwa 80 Millionen Euro. Das Unternehmen zählt zu den bedeutendsten Herstellern von Frischfaserkartons in Europa.
Als Gründe für deren Schieflage nannte die Geschäftsführung zu hohe Energiekosten, strukturelle Überkapazitäten und ein schwieriges Marktumfeld. Ähnliche Faktoren dürften auch bei Karl Mayer eine Rolle gespielt haben, auch wenn die konkreten Insolvenzursachen vom Unternehmen nicht öffentlich genannt wurden. Das Amtsgericht Tübingen verwies auf den vorläufigen Insolvenzverwalter, der nun die wirtschaftliche Entwicklung aufarbeiten wird.
Wie es für die 110 Mitarbeiter weitergeht
Die Unsicherheit in der Belegschaft ist groß, doch der vorläufige Insolvenzverwalter gibt sich zuversichtlich: „Der Betrieb läuft weiter, die Aufträge werden abgearbeitet.“ Die nächste wichtige Etappe ist die Gläubigerversammlung, in der über den Fortgang des Verfahrens entschieden wird. Bis dahin arbeiten die 110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Standorten Haiterbach, Ottersweier und Altensteig-Spielberg normal weiter.
Experten der Branche beobachten, dass der Wettbewerbsdruck auf mittelständische Verpackungshersteller spürbar zugenommen hat. Steigende Rohstoffpreise und die Konzentration des Handels auf wenige Großkunden machen es kleineren Unternehmen schwer. Ob der Traditionsbetrieb aus dem Schwarzwald einen Investor findet, dürfte sich in den nächsten Wochen entscheiden. Bis dahin gilt: Der Karton wird weitergedruckt – und die Hoffnung der Mitarbeiter lebt.



