„Nichts an meinem Weg war selbstverständlich“, schreibt Milica Stanojić in einem Essay, den DER SPIEGEL in seiner 32. Ausgabe des Jahres 2026 veröffentlicht. Die Autorin ist die erste Akademikerin in ihrer Familie – ihre Großeltern kamen als Gastarbeiter nach Deutschland. Diese Biografie steht beispielhaft für viele Menschen, die den Aufstieg über Bildung schaffen. Doch Stanojić richtet den Blick auch auf die Schattenseiten: Deutschland habe weiterhin ein Problem mit Bildungsgerechtigkeit.
In ihrem Essay beschreibt sie den Weg von der Gastarbeiterfamilie ins Studium. Nichts an diesem Weg sei selbstverständlich gewesen, betont sie. Nicht nur die finanzielle Situation, auch das fehlende Wissen über das akademische System seien Hürden gewesen. Viele junge Menschen aus ähnlichen Verhältnissen kennen diese Erfahrung – auch wenn es mittlerweile viele solcher Biografien gebe, so die Autorin.
Vom Gastarbeiterkind zur ersten Akademikerin
Die Großeltern von Milica Stanojić gehörten zur Generation der Gastarbeiter, die in Deutschland vor allem in den Wirtschaftswunderjahren angeworben wurden. Ihre Familien lebten in bescheidenen Verhältnissen; Bildung spielte im Alltag kaum eine Rolle. Vor diesem Hintergrund ist der akademische Werdegang der Enkelin eine bemerkenswerte Entwicklung. Stanojić ist die erste in ihrer Familie, die einen Hochschulabschluss erlangt hat.
Diese Entwicklung verlief nicht geradlinig. Wie die Autorin schildert, musste sie sich ihr Wissen und ihre Orientierung selbst aneignen. Es gab keine Eltern, die mit Rat zur Seite standen, kein Netzwerk, das Türen öffnete. Was für Kinder aus Akademikerhaushalten oft ganz selbstverständlich ist, musste sie sich erst erkämpfen. Ihr Essay macht deutlich, wie viel individueller Einsatz nötig war – und wie stark das System sie allein gelassen habe.
Bildungsgerechtigkeit als gesellschaftliche Aufgabe
Stanojić verbindet ihre persönliche Erfahrung mit einer grundsätzlichen Kritik. Dass sie es geschafft hat, dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele andere es nicht schaffen. Die Bildungsbiografie in Deutschland hänge nach wie vor stark von der Herkunft ab. Kinder aus nicht-akademischen Familien und Familien mit Migrationsgeschichte hätten es deutlich schwerer, höhere Bildungsabschlüsse zu erreichen. Dies sei ein strukturelles Problem, das weit über Einzelschicksale hinausgehe.
Bildungsgerechtigkeit werde oft als Schlagwort benutzt, ohne Konsequenzen zu haben. Stanojić plädiert dafür, die Hindernisse abzubauen, die den Weg an die Hochschule erschweren. Dazu gehören nach Ansicht der Autorin nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch eine bessere Begleitung in der Schule, mehr Transparenz bei Fördermöglichkeiten und ein Bildungssystem, das nicht früh über die Zukunft von Kindern entscheidet. Ihr Essay ist ein Aufruf, den Begriff der Chancengleichheit ernst zu nehmen.
Eine Biografie, viele Parallelen
Mittlerweile gibt es viele Akademikerinnen und Akademiker, die als erste in ihrer Familie studiert haben. Stanojić sieht darin einen Fortschritt, aber auch eine Mahnung. Denn jede dieser Biografien sei individuell erkämpft worden – und das dürfe nicht als Ausrede für mangelnde politische Anstrengungen gelten. Die Gesellschaft profitiere von diesen Talenten, doch sie dürfe sich nicht darauf ausruhen, ein paar Beispiele vorweisen zu können.
Ihr Essay endet mit einem Plädoyer für mehr Bildungsgerechtigkeit. Es gehe nicht darum, allen dasselbe zu ermöglichen, sondern jedem die Chance zu geben, sein Potenzial zu entfalten. Dafür brauche es einen Mentalitätswandel und politische Weichenstellungen. Stanojićs Geschichte zeigt: Möglich ist der Aufstieg durch Bildung – aber eben lange nicht für alle gleichermaßen.
Der Beitrag von Milica Stanojić ist in der aktuellen Ausgabe von DER SPIEGEL (32/2026) erschienen und auch online abrufbar. Er gehört zu den Texten, die deutlich machen, wie eng persönliche Erfahrung und gesellschaftliche Realität miteinander verwoben sind.



