In Brüssel und Madrid wächst die Überzeugung, dass der Massenansturm auf die spanische Exklave Ceuta kein Zufall war. Vier EU-Diplomaten und zwei Beamte sagten dem Handelsblatt, die Aktion habe nicht ohne die Billigung Marokkos stattfinden können. Sie werten die Ereignisse der vergangenen Woche als „hybriden Angriff“ auf die Souveränität Spaniens.
In einem offenen Brief fordern 22 EU-Regierungschefs – darunter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) –, die EU dürfe eine „Instrumentalisierung von Migration oder andere hybride Bedrohungen“ nicht zulassen. Der Brief liegt dem Handelsblatt vor.
Zehntausende in 48 Stunden
Nach offiziellen Schätzungen versuchten innerhalb von 48 Stunden mehr als 50.000 Menschen, in die spanische Exklave zu gelangen. Die meisten von ihnen sind inzwischen wieder nach Marokko zurückgekehrt. Die Zahl der Toten hat sich auf 72 erhöht.
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez nannte die Lage in seiner ersten Reaktion einen „Angriff, eine Verletzung der territorialen Integrität Spaniens“. Gleichzeitig lobte er jedoch die „sehr vernünftige Zusammenarbeit mit den Herkunfts- und Transitländern“. Offene Kritik an Marokko vermied er.
Ein hochrangiger spanischer Beamter erklärte dies mit Madrids Abhängigkeit von Rabats Kooperation. Die habe immerhin dazu geführt, dass laut Sánchez „praktisch alle Migranten, die illegal die Grenze überquert haben, zurückgeschickt“ worden seien.
EU-Stimmen machen Spanien mitverantwortlich
Dass viele EU-Partner in ihren ersten Reaktionen eher Spanien als Marokko die Schuld zuschrieben, führen EU-Diplomaten auch auf politische Erwägungen zurück. Spanien habe sowohl in der Außen- als auch in der Migrationspolitik immer wieder Alleingänge hingelegt. Einige EU-Regierungen hätten Sánchez nun einen Denkzettel verpassen wollen.
Weder Spanien noch die EU wollten Marokko öffentlich anprangern. Grund sei die extreme Empfindlichkeit von König Mohammed VI. gegenüber öffentlicher Kritik, sagten die Diplomaten. Zudem sei Europa auf die Zusammenarbeit mit Marokko angewiesen, damit das Land seine Migranten wieder aufnimmt. Die EU-Kommission habe keine eigenen Geheimdienstinformationen; Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen habe daher in den ersten Tagen nicht unabhängig einschätzen können, wer hinter der Massenbewegung steckte.
Migranten berichten von Pushbacks und Bussen
Viele der inzwischen zurückgekehrten Migranten berichten laut spanischen Medien, sie hätten in Ceuta weder Wasser noch Essen kaufen können – die meisten Geschäfte blieben angesichts des Ansturms geschlossen. Andere berichten, sie seien auf marokkanischer Seite nicht aufgehalten, sondern teilweise mit Bussen an die Grenze gefahren und von marokkanischen Polizisten in Richtung Spanien geschubst worden.
Geheimdienstkreise zitiert die Zeitung „ABC“ mit den Worten, es sei kaum vorstellbar, dass Marokkos Geheimdienst den Marsch von 50.000 Menschen zur Grenze nicht bemerkt habe. In jedem Stadtteil gebe es Informanten des Regimes, Marokko habe die spanischen Kollegen jedoch im Dunkeln gelassen.
Ex-Botschafter attackiert Sánchez-Kurs
Jorge Dezcallar, ehemaliger spanischer Botschafter in Marokko und Ex-Chef des Geheimdienstes CNI, schreibt in der Zeitung „El País“: „Sosehr manche das auch behaupten mögen: Die Zusammenarbeit mit Marokko in Migrationsfragen ist alles andere als vorbildlich.“ Er kritisiert Sánchez' Vorsicht im Umgang mit Rabat: „Rabat verwechselt Zugeständnisse mit Schwäche.“
Der Ansturm ist nicht der erste: 2021 kletterten etwa 10.000 Migranten über die Zäune von Ceuta. Damals machten hochrangige spanische Beamte Marokkos Regierung verantwortlich und sprachen von Erpressung. Nach dem Ansturm erkannte Spanien den marokkanischen Plan zur Westsahara an.
Straße von Gibraltar – ein globales Nadelöhr
Ceuta ist geopolitisch und militärisch von großer strategischer Bedeutung, und Marokko erhebt Anspruch auf das Gebiet. Die Stadt an der Nordspitze Afrikas sorgt dafür, dass Spanien auf beiden Seiten der Straße von Gibraltar vertreten ist.
Mehr als 100.000 Schiffe passieren die Straße von Gibraltar jährlich – verglichen mit etwa 47.000 Schiffen in der Straße von Hormus. Mit 13 Kilometern ist sie deutlich schmaler als Hormus mit 34 Kilometern. Neben der Dänemarkstraße bei Grönland zählt Gibraltar zu den letzten globalen „Chokepoints“ unter europäischer Kontrolle, seit Großbritannien und Frankreich 1956 den Suezkanal verloren.
Auch im Ukrainekrieg zeigt sich die Bedeutung: Europäische Einheiten erfassen dort regelmäßig Tanker der russischen Schattenflotte. Für die Durchsetzung der Sanktionen sei die Meerenge hochstrategisch, sagen EU-Beamte.
US-Denker fordern neuen Grünen Marsch
Für Aufsehen sorgte ein Beitrag des früheren Pentagon-Beraters Michael Rubin vom „American Enterprise Institute“, das US-Präsident Donald Trump nahesteht. Darin forderte er Marokko zu einem „neuen Grünen Marsch nach Ceuta und Melilla“ auf. Der „Grüne Marsch“ war die marokkanische Invasion von 1975 in die damalige spanische Kolonie Westsahara. König Hassan II. ließ rund 350.000 Zivilisten, begleitet von Soldaten, über die Grenze marschieren, um das Gebiet zu annektieren. Vor der unbewaffneten Menschenmasse zog sich das spanische Militär zurück.
Bereits vor drei Monaten hatte ein Bericht des US-Kongresses Ceuta und Melilla, die zweite spanische Exklave, als „marokkanisches Territorium“ bezeichnet, das lediglich „unter spanischer Verwaltung“ stehe. Rabat könnte dies als Bestätigung verstanden haben, um Spanien unter Druck zu setzen, sagten EU-Diplomaten.
Der republikanische Abgeordnete Thomas Massie warf seinen Parteikollegen vor, Marokko mit dem Haushaltsbeschluss geradezu zur Invasion ermutigt zu haben. „Vor zwei Wochen hat das Repräsentantenhaus einen Gesetzentwurf verabschiedet, der die Übergabe spanischen Territoriums an Marokko genehmigte. Alle Republikaner außer mir haben dafürgestimmt, doch nun tun sie so, als wären sie von der Invasion überrascht“, schrieb Massie. Mit „zwei Wochen“ bezog er sich auf die Abstimmung über den Haushaltsentwurf; die Passage zu Ceuta und Melilla war bereits Monate zuvor in dessen Begleitbericht aufgenommen worden.
EU ringt um Einheit – Italien setzt Schengen aus
Der Schaden für die Einheit der EU bleibt auch Tage nach dem Ansturm. Am Samstag gab es ein geheimes Gespräch der 27 EU-Mitglieder auf Expertenebene, am Montag treffen sich die Botschafter, und am Dienstag beraten die EU-Innenminister per Videokonferenz. Spanien werde bei diesen Treffen die Lage in Ceuta beschreiben und die mangelnde Solidarität der meisten übrigen Mitglieder anprangern, sagte ein EU-Beamter dem Handelsblatt.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hatte am Freitag das Schengen-Abkommen über den freien Personenverkehr in der EU mit Spanien vorübergehend ausgesetzt; andere Länder erwogen ähnliche Schritte. Sánchez kritisierte das: Sie seien von „Vorurteilen, Falschmeldungen, Unwissenheit oder politischen Interessen“ getrieben, schrieb er nach Brüssel. Migranten könnten von dort nicht ohne Kontrollen auf das EU-Festland weiterreisen.



