Volkswagen-Chef Oliver Blume hat gestern Abend im Aufsichtsrat sein neues „Group Target Picture“ vorgestellt, einen Bauplan für den Konzern bis 2030. Doch der Plan ist nach Einschätzung von Beobachtern vor allem zweierlei: ein Schrumpfplan und eine Illusion. Blumes Zielbild sieht Werksschließungen, Investitionskürzungen in zweistelliger Milliardenhöhe, einen kleineren Konzernvorstand und eine Ausgründung des Pkw- und Komponentengeschäfts in eigene Gesellschaften vor.
Die Illusion der Mehrheitsfähigkeit
Kaum vorstellbar ist jedoch, dass Blume die Pläne bei den derzeitigen Mehrheitsverhältnissen im Aufsichtsrat durchbekommt. Ähnlich wie in der Bundesregierung wollen alle handelnden Personen Grundlegendes ändern, aber niemand ändert etwas Grundlegendes. Der Aufsichtsrat ist gespalten: Die Arbeitnehmerseite lehnt Werksschließungen und Stellenabbau ab, während die Kapitalseite auf schnelle Kostensenkungen drängt.
Der Schrumpfplan im Detail
Blumes Zielbild umfasst massive Einschnitte. So sollen mehrere Werke geschlossen werden, um Überkapazitäten abzubauen. Die Investitionen sollen um zweistellige Milliardenbeträge gekürzt werden, vor allem in den Bereichen Elektromobilität und Digitalisierung. Der Konzernvorstand soll verkleinert und das Pkw- und Komponentengeschäft in eigene Gesellschaften ausgegründet werden. Dies soll die Effizienz steigern und die Verantwortlichkeiten klären.
„Es ist ein Plan, der wehtut, aber notwendig ist“, sagte ein Sprecher von Volkswagen auf Nachfrage. „Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns sichern.“ Kritiker hingegen bezweifeln, dass Blume die nötige Unterstützung im Aufsichtsrat erhält. „Ohne eine Einigung mit den Arbeitnehmervertretern wird dieser Plan nicht umsetzbar sein“, so ein Analyst.
Parallelen zur Bundespolitik
Die Situation bei Volkswagen erinnert an die Lage in der Bundesregierung: Drei Parteien, die miteinander müssen, aber nur bedingt wollen; große Reformideen, die intern keine Mehrheit finden; ein Anführer, an dessen Führungsstärke Zweifel bestehen. Und ein Unternehmen, das ökonomisch seine besten Jahre hinter sich hat, sich aber in seiner Größe bequem eingerichtet hat.
Blume steht vor der Herausforderung, die verschiedenen Interessen im Aufsichtsrat zu einen. Die Arbeitnehmerseite pocht auf Beschäftigungssicherung, während die Kapitalseite Rendite und Kostendisziplin fordert. Ohne einen Kompromiss droht der Schrumpfplan zu scheitern.
Ausblick: Was nun?
Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Blume seine Pläne durchsetzen kann. Der Aufsichtsrat wird voraussichtlich im September erneut tagen. Bis dahin müssen die Verhandlungen zwischen den Lagern fortgesetzt werden. Sollte keine Einigung erzielt werden, droht Volkswagen eine Lähmung der Entscheidungsprozesse – mit negativen Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit.
„Volkswagen steht an einem Scheideweg“, kommentierte ein Branchenexperte. „Entweder gelingt die notwendige Restrukturierung, oder das Unternehmen verliert den Anschluss an die Konkurrenz.“ Die kommenden Monate werden entscheidend sein.



