Rund die Hälfte aller Deutschen leidet regelmäßig unter Geldsorgen, die jedoch oft unbegründet sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Steueranbieters Taxfix aus dem Juli 2026. Das Phänomen, bei dem die eigene finanzielle Wahrnehmung nicht mit der Realität übereinstimmt, wird als Money Dysmorphia (Gelddysmorphie) bezeichnet. Betroffene haben ständig das Gefühl, finanziell abgehängt zu sein, obwohl objektiv kein oder nur wenig Anlass dazu besteht.
Angst vor dem Kontoauszug und soziale Folgen
Die Studie zeigt, dass jeder fünfte Deutsche Angst davor hat, den eigenen Kontostand abzurufen. Bei 61 Prozent der Befragten drückt das Thema Finanzen auf die Stimmung. Mehr als ein Drittel der Teilnehmer hat bereits Verabredungen mit Bekannten aus finanziellen Gründen abgesagt. Insgesamt gaben rund 48 Prozent der Befragten an, manchmal oder häufig das Gefühl zu haben, finanziell zurückzuhängen, obwohl eigentlich alles in Ordnung ist.
Phänomen zieht sich durch alle Einkommensklassen
Besonders bemerkenswert: Money Dysmorphia tritt in allen Einkommensschichten auf. Bei Befragten mit einem Jahreseinkommen unter 10.000 Euro lag der Anteil bei rund 52 Prozent. Aber auch in den Einkommensgruppen von 25.000 bis 50.000 Euro sowie 50.000 bis 75.000 Euro war rund die Hälfte der Befragten betroffen. Die Studie schlussfolgert, dass es sich nicht primär um ein Einkommensproblem, sondern um ein Wahrnehmungsproblem handelt.
Social Media als Verstärker der Geldangst
Eine Ursache für die verzerrte Wahrnehmung ist das sogenannte Financial Doomscrolling. Laut Studie fühlen sich rund 42 Prozent der Deutschen durch Finanz-Content auf TikTok, Instagram oder YouTube verunsichert, gestresst oder überfordert. Mehr als jeder Vierte konsumiert solche Inhalte trotz negativer Gefühle weiter. Juliane Kutzke, Steuerexpertin bei Taxfix, warnt: „TikTok zeigt Highlights, keine Durchschnitte. Wer sich daran misst, spielt ein Spiel, das er nicht gewinnen kann.“ Sie empfiehlt, sich realistische, erreichbare Ziele zu setzen, etwa 1500 Euro bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu sparen.
Kindheit als Ursache für Geldangst
Das Gefühl, finanziell abgehängt zu sein, kann auch tiefere Ursachen haben. Laut Kutzke ist der Satz „Das können wir uns nicht leisten“ bei vielen Erwachsenen tief verankert, auch wenn der Kontostand längst etwas anderes sagt. „Wer verstehen will, warum sich Geld knapp anfühlt, findet die Antwort oft in der Kindheit, nicht im Kontoauszug“, so die Expertin. Eine genaue Aufstellung der eigenen Einnahmen, Fixkosten und variablen Ausgaben könne helfen, Ängste zu beseitigen. Kutzke betont: „Das Gefühl nicht genug zu haben, gedeiht im Ungefähren. Die meisten stehen besser da, als sie dachten.“
Körperliche Symptome von Money Dysmorphia
Geldsorgen können sich auch körperlich äußern, lange bevor Betroffene bewusst über Geld nachdenken. Typische Symptome sind schlechter Schlaf, Anspannung oder ein diffuses Gefühl von Knappheit. „Wer die Signale ernst nimmt, kann gegensteuern, bevor aus Stress ein Dauerzustand wird“, macht Kutzke Betroffenen Hoffnung. Ein Gespräch über die finanzielle Situation mit Bekannten, in der Familie oder eine professionelle Beratung könnten ebenfalls helfen. „Echte Klarheit entsteht nicht im Social-Media-Feed, sondern wenn Menschen ihre Zahlen schwarz auf weiß vor sich sehen“, so Kutzke.
Nicht alle Sorgen sind unbegründet
Trotz des Phänomens der Money Dysmorphia sind nicht alle Geldsorgen irrational. Steigende Mieten, hohe Energiekosten und die anhaltende Kaufkraftbelastung der vergangenen Jahre haben das Vertrauen vieler Menschen in ihre finanzielle Stabilität erschüttert. Auch eine andere Studie zum Thema Geld kam jüngst zu dem Schluss, dass viele Deutsche wenig Optimismus bezüglich ihrer Finanzen verspüren. Ob diese Wahrnehmung der Realität entspricht oder verzerrt ist, muss letztlich jeder für sich selbst herausfinden.



