Verkehrswende auf dem Land: Andere Lösungen als in der Stadt gefragt
Verkehrswende auf dem Land: Andere Lösungen gefragt

In Eisingen ist die Verkehrswende oft ausgebucht. Wenn Bürgermeister Sascha-Felipe Hottinger (CDU) aus dem Büro auf die Ladesäule blickt, ist das Carsharing-Auto des Anbieters Deer meist weg. „Es bietet ein hohes Maß an Flexibilität“, sagt der Rathauschef der Enzkreis-Gemeinde. „Die Nachfrage ist so groß, dass wir über einen zweiten Standort nachdenken.“ Dabei gab es bei der Einführung vor zwei Jahren durchaus Skeptiker. So wie in Eisingen kommt die Verkehrswende in vielen ländlichen Kommunen in kleinen Schritten voran.

Während sich Menschen in Großstädten über E-Scooter auf der „letzten Meile“ oder seltener werdende Trams ärgern, hat Eisingen nicht einmal einen Bahnanschluss. „Der nächste Bahnhof liegt sechs Kilometer entfernt“, sagt Hottinger. Ein Radweg führt immerhin dorthin. Busse von und nach Pforzheim fahren zweimal pro Stunde – zumindest unter der Woche. Von den rund 4.700 Einwohnern sind knapp die Hälfte Pendler. „Das ist ohne Auto kaum machbar“, resümiert der Bürgermeister.

Kompromisse für den ländlichen Raum

Ähnlich erlebt es Udo Glatthaar, Oberbürgermeister von Bad Mergentheim im Main-Tauber-Kreis. „Als 25.000-Einwohner-Stadt mit 13 eher dörflich geprägten Stadtteilen, aus denen viele nur mit dem Auto in die Kernstadt kommen, kann man nicht einfach polarisierend eine Verkehrswende oder autofrei ausrufen“, sagt der CDU-Politiker. Man könne auch nicht ganze Straßenzüge für den motorisierten Verkehr sperren. Dennoch seien Klein- und Mittelstädte hochinnovativ. Auf dem Gänsmarkt habe man aus einer maroden Verkehrskreuzung mit täglich 4.000 Fahrzeugen einen klimaaktiven, begrünten Stadtplatz gemacht. „Der ist im Herzen autofrei und gibt Rad- und Fußverkehr mehr Raum“, erklärt Glatthaar. Gleichzeitig führen nördlich und südlich Fahrspuren für Autos an den Platz heran. „Ein typischer Kompromiss für den ländlichen Raum“, findet der OB: weniger Durchgangsverkehr im Altstadtkern, mehr Aufenthaltsqualität, aber weiterhin Erreichbarkeit für Autofahrer, was dem Handel wichtig sei.

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Städtische Denkmuster passen nicht

Der Karlsruher Landrat Christoph Schnaudigel, Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt, Klima und Mobilität beim Landkreistag Baden-Württemberg, betont: „Die Verkehrswende ist im ländlichen Raum möglich, aber sie ist viel aufwendiger – organisatorisch wie finanziell.“ Manche Instrumente aus der Stadt seien nicht brauchbar. Die geplante Mobilitätsgarantie der alten Landesregierung etwa sah vor, dass auf dem Land mindestens alle 30 Minuten ein Bus fährt, in Ballungszentren alle 15 Minuten. Im neuen Koalitionsvertrag ist davon keine Rede mehr, was Schnaudigel für realistisch hält. Je weiter von großen Städten entfernt, desto schwerer sei ein solches Angebot umzusetzen. Auch den „Mobilitätspass“, mit dem Kommunen eine Abgabe für den ÖPNV-Ausbau erheben könnten, bewertet er negativ: Wer mehr Geld von Bürgern verlange, müsse ein besseres Angebot sicherstellen.

Flexible Lösungen auf der letzten Meile

Schnaudigel sieht das Auto auf der letzten Meile nicht als Schaden. Wichtig sei, dass man nicht bis in die Großstadt fahren müsse, sondern an einem Park-and-Ride-Platz auf den ÖPNV umsteigen könne. „Ich brauche wirklich nicht die Mobilitätsgarantie bis zur letzten Haltestelle.“ Stattdessen werden On-Demand-Angebote wichtiger – Fahrdienste ohne festen Fahrplan und starre Routen. Kombiniert mit Carsharing könne man die letzte Meile im ländlichen Raum lösen. Mit dem Regierungswechsel im Land ist die Verantwortung im Verkehrsministerium von den Grünen zur CDU übergegangen. Der neue Koalitionsvertrag vereinbart On-Demand-Verkehre, Ruf- und Bürgerbusse, Mitfahrplattformen, Sharing-Angebote und einen Ausbau des Regiobus-Angebots.

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Finanzierung als entscheidende Hürde

Schnaudigel betont: „ÖPNV ist Daseinsvorsorge. Das ist Lebensqualität, das ist Teilhabe, gerade auch im ländlichen Raum.“ Deshalb müsse er zur Pflichtaufgabe der Kommunen erklärt und von Sparmaßnahmen ausgenommen werden. „Ich sehe derzeit bei Bund und Land nicht den politischen Willen, diese Verkehrswende auch gerade im ländlichen Raum voranzubringen.“ Vor Ort heißt es daher: kleine Brötchen backen. Ob Jobräder, E-Fahrzeuge mit Ladepunkt zu Hause oder Familienverbünde, die sich Autos teilen – Hottinger sagt: „Das ist ein Thema, das über den Geldbeutel geregelt wird.“ Prinzipiell sei die Bereitschaft zur Mobilitätswende da, so der Eisinger Bürgermeister. „Es braucht ein paar Leute, die vorangehen.“