Buch über Gedächtnis: Erinnerungen werden ständig neu zusammengebaut
Buch: Erinnerungen werden ständig neu zusammengebaut

Die irischen Psychologinnen Ciara Greene und Gillian Murphy räumen in ihrem Buch „Das fühlende Gedächtnis“ mit dem weit verbreiteten Bild auf, das Gedächtnis funktioniere wie ein Filmarchiv oder eine Festplatte. Stattdessen zeigen sie, dass das Gehirn Erinnerungen immer wieder von Neuem zusammenbaut – ein Prozess, der anfällig für Verzerrungen ist.

Das Gedächtnis als dynamischer Prozess

Viele Menschen stellen sich das Gedächtnis als eine Art Speicher vor, in dem Lebenserfahrungen wie Filme abgelegt sind. Manche Erinnerungen liegen tief vergraben oder sind im Tresor des Unbewussten verschlossen, dessen Code nur der Therapeut kennt. In der digitalen Ära werden oft Bilder aus der Computertechnik bemüht: das Gedächtnis als Festplatte. Greene und Murphy widersprechen dieser Vorstellung fundamental. Erinnerungen seien keine statischen Kopien der Vergangenheit, sondern werden jedes Mal, wenn wir sie abrufen, neu konstruiert – beeinflusst von aktuellen Gefühlen, Gedanken und Kontexten.

Vergessen als nützlicher Mechanismus

Das Vergessen wird in der Regel negativ bewertet, doch die Autorinnen betonen seine positive Funktion: Es sei ein „mentaler Entrümpelungsdienst“, der das Gehirn von unnötigen Details befreit und Platz für Wichtigeres schafft. „Ohne das Vergessen wären wir überfordert mit der Flut an Informationen“, schreiben sie. Das Gehirn filtert bewusst und unbewusst, was gespeichert wird, und passt Erinnerungen an neue Erkenntnisse an. Dies erkläre auch, warum Augenzeugenberichte oft unzuverlässig sind oder warum traumatische Erlebnisse mit der Zeit ihre Schärfe verlieren können.

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Emotionen formen die Erinnerung

Ein zentraler Punkt des Buches ist die Rolle von Emotionen. Greene und Murphy zeigen, dass Gefühle zum Zeitpunkt des Erlebens und des Erinnerns die Inhalte maßgeblich beeinflussen. „Das fühlende Gedächtnis“ verweist auf Studien, nach denen emotional aufgeladene Ereignisse zwar oft lebhafter erinnert werden, aber auch anfälliger für Verzerrungen sind. So können Trauer oder Freude die Details einer Situation verändern, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Praktische Implikationen für den Alltag

Die Erkenntnisse haben praktische Bedeutung: In der Therapie, bei Gerichtsverfahren oder im Umgang mit eigenen Erinnerungen. Wer versteht, dass Erinnerungen nicht wie auf Band gespeichert sind, kann nachsichtiger mit sich und anderen sein. Die Autorinnen plädieren für ein Bewusstsein der „Flexibilität von Erinnerungen“ und warnen vor allzu großer Sicherheit in Bezug auf vermeintlich feststehende Vergangenheitsbilder.

Das Buch „Das fühlende Gedächtnis“ von Ciara Greene und Gillian Murphy ist im Verlag erschienen und bietet einen wissenschaftlich fundierten, aber gut lesbaren Einblick in die moderne Gedächtnisforschung.

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