Zeugnis: Expertin rät Eltern zu Ruhe und Zuwendung statt Druck
Zeugnis: Expertin rät zu Ruhe statt Druck

An diesem Freitag ist Zeugnistag in Bayern. Für viele Kinder ein Grund zur Freude, für andere eine Quelle der Angst. Die pädagogische Leiterin des Kinderschutzbundes Bayern, Alexandra Schreiner-Hirsch, gibt Eltern klare Handlungsempfehlungen: Ruhe bewahren, das Kind in den Arm nehmen und zuhören – statt zu schimpfen oder zu belohnen.

Kein Brüllen, keine Strafen, keine materiellen Belohnungen

„Brüllen, schimpfen, Strafen für Noten sollte man ebenso streichen wie materielle Belohnungen“, sagt Schreiner-Hirsch. Geld oder Geschenke als Anreiz könnten die intrinsische Motivation der Kinder zerstören. Stattdessen gehe es darum, das Kind als ganzen Menschen zu sehen – mit all seinen Fähigkeiten, Talenten und Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Kreativität oder Sportlichkeit. „Eine Note ist ein mini-mini-kleiner Anteil“, betont die Expertin, auch wenn Eltern oft dächten, die Schule entscheide über das ganze Leben.

Erst durchatmen, dann zuhören

Bei schlechten Noten rät Schreiner-Hirsch zu einer Auszeit: „Erst einmal tief durchatmen, die eigenen Emotionen zur Seite schieben und das Kind in den Arm nehmen.“ Dann solle man sich in das Kind einfühlen, denn es seien seine Noten. „Mein Job als Elternteil ist zuhören, einfühlen, nachfragen, Emotionen coachen.“ Die wichtigste Botschaft: „Du bist unser Kind, und wir lieben dich – egal, wie die Noten sind – als Mensch.“

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Gemeinsam solle man dann besprechen, wie es im nächsten Schuljahr weitergeht. Ideal sei ein separates Gespräch, bei dem die offene Frage lautet: „Was brauchst du jetzt?“ Ob Nachhilfe, Klassenwiederholung oder Schulwechsel – das Gespräch sollte nicht erst am Zeugnistag stattfinden. „Hups, wir fallen aus allen Wolken – das darf bei einer guten Eltern-Kind-Beziehung und einer guten Lehrkraft-Eltern-Erziehungspartnerschaft nicht passieren“, so Schreiner-Hirsch.

Vergleiche vermeiden und Druck abbauen

Einen weiteren Tipp hat die Pädagogin: „Streichen Sie Vergleiche aus Ihrem Repertoire!“ Wer Kinder untereinander vergleiche, schüre Rivalität und fördere Mobbing. Jedes Kind entwickle sich anders – „wie das eine schneller wächst als das andere, ist es beim schulischen Lernen auch.“

Schreiner-Hirsch und ihre Kollegen beobachten steigende Erwartungen an die schulische Performance. „Dieser Druck, nur über Leistung definiert zu werden, ist enorm.“ Kinder kompensierten das oft mit Wut, Aggression, Verweigerung oder sogar Drogen. Dabei sei der Wunsch der Eltern nach guten Startchancen legitim. Doch man müsse sich fragen: „Verhindere ich nicht eher ein gutes Leben, wenn ich mein Kind eine Laufbahn einschlagen lasse, die gar nicht zu ihm passt?“

Beratung und Hilfsangebote

Unterstützung bieten die staatlichen Schulberatungsstellen in Bayern, die auch ein „Zeugnistelefon“ betreiben. Auch Beratungslehrkräfte an den Schulen helfen bei Fragen zu Schulwechsel oder Lerntechniken. Bei Sorgen können Eltern das Elterntelefon der „Nummer gegen Kummer“ unter 0800 111 0550 anrufen. Kinder und Jugendliche erreichen das Sorgentelefon unter 116 111.

Gerade zur Zeugniszeit klingelt es dort besonders oft. „Es gibt nach wie vor Kinder, die eine Watschen bekommen, auch wenn das in Deutschland längst verboten ist“, berichtet Schreiner-Hirsch. „Oder wo es heißt: ‚Aus dir wird eh nichts mehr.‘“ Ihr Fazit: „Alles, was wir dachten, es wäre längst passé, das gibt es auch heute noch.“ Doch es gebe auch viele Eltern, die anders mit dem Notendruck umgingen – bis hin zum Wechsel aus dem staatlichen Schulsystem.

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