Berlin-Wahl: Fünf Kandidaten, wenig Bekanntheit – ein Kommentar
Berlin-Wahl: Fünf Kandidaten, wenig Bekanntheit

Mit dem Rückzug von Kai Wegner hat der Regierende Bürgermeister das Rennen um das Rote Rathaus noch offener gemacht, als es ohnehin schon war. Der neue CDU-Frontmann Stefan Evers gilt als Inbegriff von Seriosität, Loyalität und Verantwortungsbewusstsein – Eigenschaften, die ihn zum Finanz- und Kultursenator und nun auch zum Spitzenkandidaten beförderten. Als Menschenfänger ist Evers jedoch bislang nicht aufgefallen, zumal er vielen außerhalb der lokalen Politikblase kaum bekannt ist.

Die personelle Zerschlissenheit der Berliner CDU

Evers’ Nominierung zeigt, wie personell zerschlissen die Berliner CDU nach nur drei Jahren Regierung ist. Die Partei braucht inhaltlich neue Ideen, die über die bloße Verhinderung der Linkspartei hinausgehen. Evers versucht bereits erste Akzente zu setzen, etwa mit der Randbebauung des Tempelhofer Felds ohne einen neuen Volksentscheid. Zugleich macht seine Nominierung deutlich, dass auch die anderen Spitzenkandidaten in der breiten Bevölkerung kaum bekannt sind.

SPD ärgert sich über Entscheidung gegen Giffey

Die in Umfragen hinterherhinkende SPD dürfte sich inzwischen noch mehr ärgern, dass sie sich gegen ihre bekannteste Person entschieden hat: Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey ist ständig im Stadtbild präsent und war während des Stromausfalls beständig für die Stadt im Einsatz. Doch die Hauptstadt-SPD hat sich intern lieber auf Steffen Krach aus Hannover als Frontmann verständigt. Er muss in Berlin noch mehr Fuß fassen, und sein größtes Argument – seriöser zu sein als Kai Wegner – ist gerade weggefallen.

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Grünen-Kandidat Werner Graf als unverhoffte Chance

Dass sich Evers und Krach vom Profil ähneln, könnte eine unverhoffte Chance für Grünen-Kandidat Werner Graf sein. Der Fraktionschef steht eher für den bürgerlichen Flügel der Partei und hat gute Kontakte zur CDU. Strukturell könnten die Grünen in Berlin eigentlich führende Kraft sein; in Umfragen liegen sie zumindest vor der SPD und teilweise auch vor der CDU. Falls es dabei bleibt und das von vielen erwartete Linksbündnis nicht zustande kommt, könnte Graf unversehens Bürgermeister mit SPD und CDU werden. Allerdings gilt auch für ihn: Viele Menschen würden ihn wohl erst dann richtig kennenlernen.

Die beiden Frauen im Wahlkampf: Brinker und Eralp

Mehr Profil, wenn auch nicht Bekanntheit, weisen die beiden Frauen im Wahlkampf auf. Für die AfD tritt Kristin Brinker an, die verglichen mit den Positionen ihrer Partei eher moderat daherkommt. Ihr bisher größtes Wahlkampfthema, das Wettern gegen Kai Wegner, ist nun allerdings dahin. Eine mögliche Machtoption hat Brinker im Gegensatz zur AfD in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern nicht. Dennoch dürften ihr viele Protest- und Prinzipiell-Dagegen-Stimmen sicher sein.

Anders sieht es bei der Kandidatin aus, die bisher am meisten zu überraschen wusste: Elif Eralp von der Linken gibt sich erfolgreich bodenständig, trendet mit gemeinsamen Auftritten mit Rapstar Ikkimel, zieht das wichtigste Stadtthema Mieten hoch und hat bisher die Gabe, alle Lager und Milieus der zerklüfteten Linken zusammenzuhalten. Eralps Chancen hängen allerdings davon ab, wie radikal ihre von aktivistischen Neumitgliedern geflutete Partei in Berlin noch auftritt und wie sehr ihre Bekanntheit über das linke Lager hinaus noch steigen kann.

Fazit: Alles offen – nur nicht für Wegner

Fünf Kandidierende, keine Favoriten und eine Menge Unbekannte: In Berlin ist mal wieder alles möglich. Nur nicht für Kai Wegner. Und das ist angesichts seiner Unwahrheiten auch gut so.

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