Seit 20 Jahren verwandeln Kinder in Potsdam den Innenhof der Weidenhof-Grundschule am Schlaatz in eine eigene Stadt aus Holz. Rund 120 Grundschulkinder bauen Krankenhäuser, Bahnhöfe, Cafés und Dönerläden – alles nach ihren eigenen Vorstellungen. Zum Jubiläum blicken vier Menschen, die das Projekt von Anfang an begleiten, zurück.
Von der Wildnis zum geordneten Bauen
Thomas Kellner von den „Einstein Kids“ erinnert sich lachend: „Früher ging es in der Stadt definitiv wilder zu.“ Die Häuser wurden im Wäldchen am Schlaatz teilweise um Baumstämme herum gebaut. Das sah beeindruckend aus, war aber unpraktisch – viele mussten abgerissen werden. Heute gelten feste Maße, damit die Häuser transportiert und auf Spielplätzen oder Privatgrundstücken ein zweites Leben bekommen können.
Ursprünglich dauerte das Projekt zwei Wochen. „Viele pädagogische Mitarbeiter, inklusive mir, hatten schon in der ersten Woche sehr viel ihrer Energie verbraucht“, sagt Thomas Fibian, der seit 2007 die Baugruppen fachlich berät. Heute läuft es eine Woche, ergänzt um ein öffentliches Bauspielfest am Sonntag. Grund für die Verkürzung sind gestiegene Kosten für Material und Transport.
Finanzierung steht jedes Jahr auf der Kippe
Gregor Gierlich, Geschäftsführer der veranstaltenden Kubus gGmbH, betont: „Wir haben nicht unbedingt mehr Geld zur Verfügung als früher.“ Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 40.000 Euro, etwa 70 Prozent trägt die Stadt, die ProPotsdam übernimmt einen Teil. Im vergangenen Jahr stand die Finanzierung wegen massiver Kürzungen bei Jugend, Kultur und Sozialem lange in der Schwebe. „Dieses Jahr hatten wir schon früh Planungssicherheit, da bin ich der Stadt sehr dankbar“, so Gierlich.
Das Projekt ist auf viele Ehrenamtliche angewiesen, die sich teilweise Urlaub nehmen, um es zu begleiten. Ohne sie würde es das Projekt nicht mehr geben, sagt Gierlich. Waren es im ersten Jahr knapp 60 Kinder, nahmen zwischenzeitlich rund 170 teil.
Demokratie und Vielfalt als Prinzip
Manuela Neels vom Kinder- und Jugendbüro des Stadtjugendrings, die seit 2008 dabei ist, sagt: „Es ist ihr Projekt. Wir als Erwachsene müssen respektieren und auch aushalten, dass es nach ihren Regeln, in ihrem Tempo läuft.“ Die Kinder entscheiden selbst, welche Gebäude entstehen – früher waren es Räuberhöhlen, heute Dönerläden oder Nagelstudios. 2022 wollten ukrainische Kinder einen Flughafen bauen. „Es hieß, das sei wichtig, für die Armee“, erinnert sich Gierlich. Vor zwei Jahren spielte das Thema Mieten eine große Rolle, und die Kinder bauten ein besetztes Haus.
Christin Zschoge-Meile, Leiterin des Kinderclubs „Unser Haus“, arbeitet seit 2014 im Stadtteil. Sie betont: „Wir sammeln keine Handys ein. Das ist ihr Freizeitbereich, den können sie gestalten, wie sie möchten.“ Die meisten Kinder hätten große Lust, sich kreativ auszuleben – „das ist ja auch total aufregend: Hier passieren Sachen, die sie aus ihrem sonstigen Alltag nicht kennen.“
Versteigerung und Ausblick
Am Sonntag endet die Stadt der Kinder traditionell mit einer Versteigerung der Häuser. „Die ersten Jahre haben wir hier teilweise bis 20 Uhr gebibbert, ob die Häuser tatsächlich abgeholt werden. Um 2 Uhr morgens waren wir dann fertig mit dem Abriss – und sind dann mitten in der Nacht noch alle zusammen in den Heiligen See gesprungen“, erzählt Thomas Fibian. In den vergangenen Jahren hätten fast alle Häuser ein neues Zuhause gefunden. Auch Oberbürgermeisterin Noosha Aubel (parteilos) hat ihren Besuch angekündigt – ohne Grußwort, aber im Gespräch mit den Kindern.



