Wenn der Bus wieder zu spät kommt, die Butter im Supermarkt teurer geworden ist und ignorante Mitmenschen den letzten Nerv rauben, bleibt vielen nur noch tief Durchatmen. Manchmal hilft das tatsächlich, den Stresspegel zu senken. Achtsamkeit gilt längst als Allheilmittel für die kleinen und großen Zumutungen des Alltags. Ob Atemübungen per App, ein Retreat im Kloster oder Duftkerzen für das heimische Wohnzimmer – das Angebot ist riesig. Die Grundidee klingt verlockend: Wer sich selbst reguliert, kommt mit der Welt da draußen womöglich besser klar. Doch für die Podcasterin Kathrin Fischer ist diese Entwicklung keineswegs harmlos.
Die Autorin des Buches „Achtsam geht die Welt zugrunde“ sieht in der Achtsamkeitsbewegung eine Ideologie, die systematisch von den eigentlichen Ursachen gesellschaftlicher Probleme ablenkt. „Der Begriff ‚Achtsamkeit‘ ist nicht eindeutig definiert und in seiner Widersprüchlichkeit in alle möglichen Richtungen anschlussfähig“, sagt Fischer im Gespräch mit ntv.de. Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit seien im Zwischenmenschlichen durchaus wünschenswert. „Aber die Aufforderung, Lösungen für alle Lebensprobleme im eigenen Inneren zu suchen, weil sie angeblich auch dort entstehen, ist eine Ideologie.“
Als Gastgeberin des Podcasts „Erschöpfung statt Gelassenheit – Warum Achtsamkeit die falsche Antwort auf ziemlich jede Frage ist“ prangert Fischer die Versprechungen der Selfcare-Industrie an. „Wer diese vier Sätze sagt, hat einen starken Charakter“, „Weniger Stress, mehr Leben – deshalb boomt Slow Living“, „Der perfekte Mittagsschlaf“, „Sagst du regelmäßig einen dieser neun Sätze, bist du emotional stabiler“ – solche Botschaften spüle ihr der Algorithmus in den Newsfeed, erzählt sie. Sie gaukelten vor, das Leben in Sekunden verbessern zu können. „Es ist zwar zu begrüßen, wenn Menschen lernen, sich zu regulieren, im Körper anzukommen und Gefühle wahrzunehmen“, räumt Fischer ein. „Aber wenn man Atemübungen für die Lösung hält, wenn die Bahn schon wieder zu spät kommt, lässt das die politischen Ursachen außer Acht.“
Ein Milliardenmarkt mit fragwürdigen Versprechen
Die Selfcare-Industrie hat aus dem Bedürfnis nach Ruhe und Gelassenheit ein enorm profitables Geschäftsmodell gemacht. Zwischen sieben und neun Milliarden Euro wurden 2025 weltweit mit Meditations-Apps, Achtsamkeitskursen und physischen Produkten wie Klangschalen, ätherischen Ölen, Duftkerzen und Selfcare-Tagebüchern umgesetzt. Hinzu kommt der kulturelle Einfluss: Sportmarken verkaufen Achtsamkeit als Lifestyle, Hotels vermarkten Retreats und Krankenkassen zahlen für Achtsamkeitskurse. „Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Nutzung einer Achtsamkeits-App, aber immer weniger Zahnersatz“, kritisiert Fischer.
Mehr Erschöpfung trotz wachsender Achtsamkeitsbranche
Dass diese Strategie nicht aufgeht, zeigt der Blick auf die Gesundheitsdaten. Laut „Psychreport“ der Krankenkasse DAK waren Depressionen im Jahr 2014 für 112 Krankheitstage pro 100 Versicherten verantwortlich. Bis 2024 stieg dieser Wert auf 183 Krankheitstage – ein Plus von mehr als 60 Prozent. Darin noch nicht enthalten sind Belastungs- und Anpassungsstörungen wie Burnout. „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Achtsamkeit als Lösung offensichtlich nicht funktioniert, wenn die Menschen trotz wachsender Stress-Reduction-Industrie immer erschöpfter und gestresster sind“, sagt Fischer.
Die Ursachen dafür liegen aus Sicht der Podcasterin keineswegs nur im Inneren der Betroffenen. „Die äußere Welt, in der wir leben, verschlechtert sich besonders für diejenigen, die nicht sehr wohlhabend sind“, betont sie. Sie nennt den Angriff auf den Sozialstaat, längere Arbeitszeiten, gekürzte Mittel für die Behinderten- und Jugendhilfe sowie explodierende Mieten. Diese Zustände seien nicht vom Himmel gefallen, sondern die Folge jahrzehntelanger politischer Entscheidungen und eines ungezügelten Finanzmarkt- und Tech-Kapitalismus.
Wenn Achtsamkeit zur Passivität verführt
Für Kathrin Fischer besteht das eigentliche Problem darin, dass Achtsamkeit Menschen dazu bringt, gesellschaftliche Missstände als persönliche Unzulänglichkeit zu deuten. „Wenn ich Angst vor der AfD habe, wenn ich Angst vor Krieg habe oder vor dem Klimawandel, dann sind das alles Gefühle in meinem Inneren“, erklärt sie. Es sei zwar gut, sich emotional regulieren zu können, räumt Fischer ein – entscheidend sei jedoch, sich bewusst zu machen, dass die Auslöser des Unwohlseins von außen kommen und politisch bedingt sind.
Ansonsten drohe Achtsamkeit zu einer Ideologie der Anpassung zu werden. „Es ist einfacher, die Augen zu schließen und zu sagen: ‚Ich atme jetzt und sage mir, dass das alles nicht real ist‘“, so Fischer. Atemübungen oder ein reduzierter Nachrichtenkonsum könnten im Umgang mit Überforderung durchaus helfen. „Natürlich muss ich auf den Stress von außen reagieren“, sagt sie. „Es hilft niemandem, wenn ich immer in Alarmstimmung bin – am wenigsten mir selbst.“ Gleichzeitig dürfe man die äußeren Umstände nicht ausblenden.
Gegen Ohnmacht hilft Organisation
Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen? Kathrin Fischer plädiert dafür, die Ohnmacht aktiv zu bekämpfen. „Wir können mehr Dinge kontrollieren oder Einfluss nehmen, als wir häufig glauben“, sagt sie. Wer sich engagiert – bei Demonstrationen, Petitionen, in Vereinen oder Nichtregierungsorganisationen – der erlebe, dass Veränderung möglich ist. Auch das Schreiben an Abgeordnete könne Wirkung zeigen.
Am Ende brauche es beides: eine innere Regulation, um handlungsfähig zu bleiben, und ein äußeres Engagement, um die Verhältnisse zu verbessern. „Eine gute Atempraxis ersetzt nun mal keine gute Rentenpolitik“, bringt es Fischer auf den Punkt. Wer das eine gegen das andere ausspiele, verkenne, dass persönliches Wohlbefinden und gesellschaftlicher Zusammenhalt untrennbar miteinander verbunden sind.



