Seit 65 Jahren lockt das Autokino Gravenbruch bei Neu-Isenburg Besucher aus der ganzen Region an – und hat sich dabei von einem reinen Filmvorführ-Ort zu einer Erlebniswelt mit Heiratsanträgen, Monster-Mitarbeitern und Oldtimer-Treffen entwickelt. Leiter Heiko Desch, seit 20 Jahren im Amt, sieht das Geheimnis des Erfolgs in der Verbindung von Auto und Film sowie in ständiger Innovation.
Ein Stück deutsche Kinogeschichte: 1960 startete das erste Autokino
Am 31. März 1960 öffnete das Autokino auf dem Gelände nahe Frankfurt als bundesweit erste Einrichtung dieser Art. Der oscargekrönte Film „Der König und ich“ mit Yul Brynner und Deborah Kerr flimmerte über die riesige Leinwand. Schon in den ersten fünf Monaten kamen 250.000 Besucher. Heute bietet das Kino Platz für rund 650 Fahrzeuge und zieht Menschen aus einem Umkreis von etwa 100 Kilometern an.
Heiko Desch, geboren im osthessischen Bad Orb, ist seit seiner Jugend vom Kino fasziniert. „Ich habe mit 13 oder 14 als Platzanweiser in einem Kino angefangen. Mit 16 lernte ich dort dann Vorführen – 35-Millimeter-Projektion. Das hat mich immer fasziniert“, erinnert sich der 54-Jährige. Auch neben einem Bürojob arbeitete er immer im Kino, bis er 2002 nach Gravenbruch wechselte.
Vielseitiger Job: Von Filmauswahl bis Snackbar
Deschs Aufgaben sind vielfältig: Er wählt die Filme aus, verhandelt mit Verleihern, pflegt die Homepage, koordiniert Lieferanten und erstellt Dienstpläne für seine 27 Mitarbeitenden. Abends hilft er selbst an der Kasse oder in der Snackbar. „Es ist tatsächlich so, dass ich hier Kino machen kann von Anfang bis Ende. Und ich habe wirklich das Glück, dass mir auch kaum einer reinredet“, sagt er über seine Arbeit.
Besondere Momente sind ihm in Erinnerung geblieben: „Wir hatten schon viele Heiratsanträge.“ Besonders berührt hat ihn ein Antrag, bei dem ein selbstgedrehter Film über die Leinwand lief und die zukünftige Braut erst spät bemerkte, dass es um sie ging. Doch nicht alles ist romantisch: „Wir mussten immer mal wieder wegen Nebel abbrechen.“
Corona-Revival und winterliche Geschäfte
Während der Corona-Pandemie erlebten Autokinos eine Renaissance. „Wir konnten größtenteils arbeiten, was viele andere in der Freizeit- und Gastronomiebranche nicht konnten, und das war natürlich ein Riesenvorteil“, so Desch. Auch im Winter läuft das Geschäft gut: Wegen der frühen Dunkelheit können dann mehrere Filme pro Abend gezeigt werden.
Ende 2025 gab es laut Filmförderungsanstalt bundesweit 15 Autokinos. Das weltweit erste Autokino wurde im Sommer 1933 in New Jersey eröffnet – mit dem Slogan „Jedem seine eigene Loge“. 27 Jahre später folgte Deutschland mit Gravenbruch, passend zur Zeit, als viele US-Soldaten im Rhein-Main-Gebiet stationiert waren.
Vom „Knutschkino“ zur modernen Erlebniswelt
Früher waren Autokinos beliebte Treffpunkte für Pärchen, die sich in konservativeren Zeiten nicht zu Hause treffen konnten. Manche fuhren gezielt die letzte Parkreihe an, einst „Love Lane“ genannt. Schnell bürgerte sich der Spitzname „Knutschkino“ ein.
Heute, in Zeiten von Netflix und Streaming, stellt sich die Frage nach dem Reiz. Desch erklärt: „Natürlich ist das liebste Kind der Deutschen immer noch das Auto. Und viele können natürlich somit das Auto mit dem Kino verbinden.“ Zudem biete das Autokino mehr Privatsphäre: Man könne die Füße hochlegen, mit dem Partner quatschen und werde nicht von raschelnden Chipstüten gestört.
Doch nur Filme abspielen genügt nicht mehr. Desch setzt auf Extras: Halloween mit als Monstern verkleideten Mitarbeitern, Tuning-Treffen, Oldtimer-Veranstaltungen und Arthouse-Reihen. Am 22. August läuft etwa der Autofilm „The Driver“ mit einem Oldtimer-Treffen. „Wenn man innovativ bleibt und sich den neuen Gegebenheiten anpasst, dann ist mir nicht Angst vor der Zukunft“, zeigt sich Desch zuversichtlich.
An diesem lauen Abend zeigt die Reihe „Summer Classics“ den Musical-Film „Mamma Mia“. Die Besucher kommen aus ganz Hessen: Ein Mann aus der Nähe von Gießen schwärmt: „Das ist ein Abenteuer, ich mache das mehrmals im Jahr.“ Eine junge Frau aus Oberursel schätzt das Besondere: „Das ist mal etwas ganz anderes, zudem laufen hier Filme, die nicht überall gezeigt werden.“ Eine 54-Jährige aus der Nähe von Hattersheim feiert ihre Premiere: „Ich war einfach neugierig. Zudem wolle ich einmal diese Atmosphäre, diesen ‚American Style‘ erleben.“



