Der tödliche Angriff auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin am vergangenen Samstag hat bei vielen Menschen Erinnerungen an das schlimmste Attentat der jüngeren Stadtgeschichte wachgerufen: den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016. Bei beiden Taten handelt es sich um islamistisch motivierte Gewalttaten, bei denen die Täter gezielt Menschenansammlungen attackierten. Die Parallelen sind unübersehbar – und sie zeigen, dass Berlin bis heute nicht vollständig mit diesem Trauma abgeschlossen hat.
Ein Riss, der nie ganz verschwindet
Am Breitscheidplatz erinnert heute ein künstlerisch gestalteter Riss im Straßenpflaster an die Stelle, an der der Attentäter mit einem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt raste. 13 Menschen starben, viele wurden verletzt. Der Riss ist zwar geschlossen, aber als Narbe für immer sichtbar. Absperrungen und Betonpoller prägen noch immer das Bild um die Gedächtniskirche. Sie sind ein stummes Mahnmal für das Versagen der Behörden und die endlosen Diskussionen über den Umgang mit der islamistischen Bedrohung. Auch der CSD-Anschlag wird einen solchen Ort der Erinnerung hinterlassen, wie Uta Keseling in ihrer Kolumne „Stadtflucht“ schreibt.
Die Reaktionen: Trotz und Zusammenhalt
Schon bei dem Attentat 2016 war die erste Reaktion vieler Berliner Trotz. „Der Hass dürfe in Berlin nicht gewinnen“, sagte eine Frau, während sie Blumen an den Absperrungen niederlegte. Der Blumenberg und das Kerzenmeer wuchsen zu einem Schilderwald aus Botschaften gegen den Terror. Auch nach dem CSD-Anschlag sind die lautesten Stimmen jene, die sagen: „Wir lassen uns nicht unterkriegen.“ Dieses Gefühl der Widerstandsfähigkeit ist typisch für Berlin, doch es kann nicht über die tiefen Wunden hinwegtäuschen, die solche Taten hinterlassen.
Versäumnisse der Behörden
Die Aufarbeitung des Anschlags von 2016 war von massiven Pannen überschattet. Der Täter entkam und wurde erst vier Tage später in Mailand von italienischen Polizisten erschossen. Es stellte sich heraus, dass die Behörden ihn lange beobachtet, aber nicht richtig eingeschätzt hatten. Ähnlich wie im aktuellen Fall war der Täter den Sicherheitsbehörden bekannt – eine erschreckende Parallele, die Fragen nach der Effektivität der Terrorismusbekämpfung aufwirft. Die Art, wie der Senat mit den Opfern umging, sorgte für zusätzliche Empörung. Angehörige der Toten erhielten zunächst eine Rechnung aus dem Leichenschauhaus, bevor sie ein Kondolenzschreiben bekamen. Erst durch den unermüdlichen Einsatz der Betroffenen entstand ein besserer Opferschutz mit einem Opferbeauftragten und abgebauten bürokratischen Hürden.
Lehren für die Zukunft
Der Ort des CSD-Anschlags wird nun ebenfalls zu einem weiteren Punkt auf dem „inneren Stadtplan“ der kollektiven Erinnerung, wie Keseling anmerkt. Es bleibt zu hoffen, dass die Opfer dieses Mal schneller und umfassender Hilfe und Gehör finden. Die Stadt steht vor der Herausforderung, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen – und dennoch den Geist der Offenheit und Freiheit zu bewahren, der Berlin ausmacht. Bis heute erinnern die Absperrungen am Breitscheidplatz nicht nur an den Anschlag, sondern auch an die ungelösten Probleme im Kampf gegen den Terrorismus. Die Wunden sind noch nicht verheilt, und der neuerliche Angriff reißt sie wieder auf. Doch Berlin hat auch gezeigt, dass es sich nicht unterkriegen lässt.



