Kölner Südstadt kämpft um Erhalt der Lutherkirche
Südstadt kämpft um Lutherkirche

Letzter Gottesdienst vor der Entwidmung

Ein letztes Mal läuten die Kirchenglocken zur Predigt. Vor der Lutherkirche in der Kölner Südstadt haben sich etwa 200 Menschen versammelt. Sie sind traurig, wütend, enttäuscht. Bis zuletzt hatten sie gehofft, die evangelische Kirchengemeinde umstimmen zu können – vergeblich. An diesem Juli-Samstag wird die Kirche entwidmet. Fortan darf hier kein Gottesdienst mehr stattfinden.

Die Initiative „Rettet die Lutherkirche“ sammelte im Vorfeld rund 13.000 Unterschriften für den Erhalt des Gotteshauses. Mitgründer Jan Krauthäuser sagt: „Die Lutherkirche ist im Grunde ein Modell für die ganze Stadt oder für Deutschland, wie gutes Zusammenleben funktionieren kann. Für mich ist es sehr frustrierend, dass ausgerechnet solch ein Ort jetzt geopfert werden soll.“

Ein Ort für alle – nicht nur für Gläubige

Die Lutherkirche ist kein reines Gotteshaus. Über Jahrzehnte hat sie sich zu einem kulturellen und sozialen Zentrum entwickelt: Konzerte, politische Diskussionen, Nachbarschaftshilfe, Integrationsprojekte und internationale Festivals finden hier ebenso statt wie Gottesdienste. „Die Lutherkirche ist das Herz der Südstadt – ein freier, offener Raum, in dem alles möglich ist“, sagt der pensionierte Pfarrer Hans Mörtter, der die Gemeinde jahrzehntelang leitete und Mitgründer des Kulturfördervereins „Südstadt Leben“ ist. Zu den Unterstützern der Petition gehören prominente Namen wie der Schriftsteller Navid Kermani und die Kabarettistin Biggi Wanninger.

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Die evangelische Kirche in Deutschland verliert rapide Mitglieder. Waren es vor zehn Jahren noch 22,3 Millionen, zählte sie vergangenes Jahr nur noch knapp 17,4 Millionen – ein Rückgang um mehr als ein Fünftel. Auch in der Kölner Gemeinde ist der Schwund dramatisch: „Wir haben in den letzten Jahren fast ein Viertel der Gemeindemitglieder verloren“, sagt Pfarrer Markus Herzberg, Vorsitzender des Leitungsgremiums. Hinzu kommt ein Beschluss der Landeskirche, dass alle Gebäude ab 2035 treibhausgasneutral betrieben werden müssen. Nachkriegsbauten wie die Lutherkirche zu sanieren, ist teuer.

Finanzielle Zwänge und Zukunftskonzept

Bereits 2024 verabschiedete die Gemeinde ein Zukunftskonzept. Geld und Personal sollen künftig in drei zentrale Standorte fließen: die Christuskirche, die Antoniterkirche und die Kartäuserkirche. Die Lutherkirche und eine weitere Kirche sollen verpachtet werden – mit dem Ziel, sie weiterhin gemeinwohlorientiert zu nutzen. „Ein Gemeindezentrum kostet uns zwischen 400.000 und 500.000 Euro im Jahr“, erklärt Herzberg. Der Haushalt müsse pro Jahr eine Million Euro einsparen. „Da mussten wir mit Blick auf unsere fünf Kirchen und 60 Mitarbeitenden gut abwägen, wo geht das und wo geht das nicht mehr.“

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) verweist auf Nachfrage auf die veränderten Rahmenbedingungen: „Wenn Menschen die Kirche verlassen, verändert dies auch die finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen kirchlicher Arbeit.“ Man stelle sich dem Mitgliederschwund mit umfassenden Veränderungsprozessen.

Kulturarbeit soll fortgesetzt werden

Pfarrer Herzberg betont: „Wir machen diesen Schritt nicht gegen jemanden, sondern für die Zukunftsfähigkeit der Gemeinde.“ Die kulturelle und soziale Arbeit verschwinde nicht. Die Kartäuserkirche im nahen Severinsviertel bleibe als Begegnungsort bestehen. Auch die Veranstaltungen aus der Lutherkirche sollen möglichst in anderen Kirchen weitergeführt werden. Die Initiative um Krauthäuser und Mörtter sieht das anders: Ein jahrzehntelang gewachsener Ort mit seinen Communities lasse sich nicht einfach verlagern. Der Konflikt ist programmiert.

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Offene Zukunft

Wie es mit der Lutherkirche weitergeht, ist ungewiss. Gottesdienste sind nicht mehr erlaubt. Der Verein „Südstadt Leben“ darf seine Veranstaltungen noch bis Ende 2026 in der Kirche durchführen. Danach verhandelt die Gemeinde mit einem potenziellen Pächter. Angedacht ist eine soziale und gemeinwohlorientierte Nutzung, auch als Seniorenwohnraum. Welche Teile des Gebäudes – bis auf den denkmalgeschützten Turm – erhalten bleiben, ist offen. Die Initiative hat ein Übernahmekonzept vorgelegt: Sie möchte den gesamten Komplex kaufen, über eine Stiftung oder Genossenschaft. Sollten die Verhandlungen mit dem Pächter scheitern, will die Gruppe ihr Angebot der Kirchengemeinde unterbreiten.

Als sich die Menge der Demonstranten auflöst, bleiben einzelne Menschen noch lange stehen. Sie diskutieren, umarmen sich, blicken still um sich. Hinter ihnen schließt sich die Tür der Kirche, in der viele getauft oder verheiratet wurden und die unzählige Konzerte und Lesungen erlebt hat. Ein Schlusspunkt ist die Entwidmung für niemanden. Der Streit um die Zukunft der Lutherkirche hat gerade erst begonnen.