Je mehr Details über Abdul B. ans Licht kommen, den mutmaßlichen Attentäter des Christopher Street Days, umso klarer wird das Versagen der deutschen Justiz und Sicherheitsbehörden. Nach SPIEGEL-Informationen hat sich der 21-Jährige, der am Sonntag bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde, vor der Tat in einem Video zur Terrororganisation IS bekannt. Bei dem Attentat am Samstag kam eine 65-jährige Frau ums Leben, 31 Menschen wurden verletzt. Die Botschaft fand man auf seinem Handy.
Abdul B.: Eine dokumentierte Radikalisierung
Es dürfte nur wenige Männer in der deutschen Islamistenszene geben, deren Radikalisierungsgeschichte so gut dokumentiert war wie die des Abdul B. Im Februar 2022 verurteilte ihn ein Jugendschöffengericht wegen Körperverletzung und räuberischer Erpressung. Vergangenes Jahr wollte er sich der Terrorgruppe IS in Syrien anschließen. Im November 2025 kam er in Untersuchungshaft. Obwohl die Generalstaatsanwaltschaft in Berlin eine Freiheitsstrafe wegen der Vorbereitung einer schweren, staatsgefährdenden Gewalttat von knapp drei Jahren gefordert hatte, kam er frei. Noch am Tag des Anschlags wurde Abdul B. von den Sicherheitsbehörden überwacht. Die Frage wird sein: Wenn die Behörden nicht einmal einen Mann wie Abdul B. von einem Attentat abhalten können, wen dann?
Netanyahu in Washington: Misstrauen auf beiden Seiten
Heute ist der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu zu Gast im Weißen Haus. Es ist ein Besuch, der für Donald Trump nicht ohne Risiko ist. In der US-Politik vollzieht sich eine historische Wende, die das Ende der engen Partnerschaft zwischen den USA und Israel einleiten könnte. Nicht nur Demokraten wenden sich ab, sondern auch Republikaner, die Trump vorwerfen, sich in einen endlosen Krieg gegen Iran ziehen zu lassen. Trumps Vize JD Vance sagte kürzlich im Podcast von Joe Rogan: Es könne kein Zweifel daran bestehen, dass es Leute innerhalb des israelischen „Systems“ gebe, „die die amerikanische öffentliche Meinung so zu verändern versuchen, dass der Krieg in Iran endlos weitergeht.“
Ein Bericht von Juliane von Mittelstaedt und Thore Schröder beschreibt, wie sich unter Netanyahu der Likud von einer rechten, aber pragmatischen Kraft zu einer Partei gewandelt hat, die von Rechtsextremen kaum zu unterscheiden ist und offen für die Annexion des Westjordanlands plädiert. Die Geschichte ist auch für deutsche Politiker eine aufschlussreiche Lektüre, die immer noch an eine Zweistaatenlösung mit Netanyahu glauben.
US-Renten: Die Angst vor dem Börsencrash
61 Prozent der Amerikaner besitzen überwiegend aktienbasierte, steuerbegünstigte Altersvorsorgekonten, berichtet Kollegin Katharina Kort. Für viele US-Bürger ist das Aktieninvestment existenziell für die Alterssicherung. „Wenn die Börsenkurse einbrechen, dann bricht auch das Altersvermögen vieler Amerikaner ein“, schreibt sie. „Das könnte verheerende Folgen für die Konjunktur haben, wenn die konsumfreudigen Amerikaner ihre Ausgaben drosseln.“ Ökonomen entwickeln bereits Szenarien, wie die Politik die Börsen stützen könnte. Skeptiker fordern eine umlagefinanzierte Altersvorsorge nach europäischem Vorbild, doch in den USA hält man lieber an der Fassade des freien Marktes fest und kuriert Schwächen still per staatlicher Intervention.
Weitere Nachrichten des Tages
Ölpreise treiben den E-Auto-Markt in Europa an: Laut einer PwC-Studie sind die Zulassungen reiner E-Autos auf einem Allzeithoch, global lässt das Tempo nach. Zinédine Zidane wird offiziell neuer Fußball-Nationaltrainer Frankreichs, er tritt die Nachfolge von Didier Deschamps an. Ein schweres Erdbeben erschüttert den Südwesten Japans, mindestens ein Toter, Dutzende Verletzte und mehrere Verschüttete in einem Einkaufszentrum. Private KI-Chats sind laut Medienberichten in Google-Suchergebnissen aufgetaucht, Hunderte Gespräche mit einer KI wurden gefunden.
Buchtipp für den Sommerabend
René Pfister empfiehlt Isaac Singers Roman „Feinde – die Geschichte einer Liebe“. Er erzählt von Holocaustüberlebenden Herman Broder, der in Brooklyn mit dem polnischen Dienstmädchen Yadwiga zusammenlebt, gleichzeitig eine Affäre mit Masha hat und dann von seiner vermeintlich toten Frau Tamara überrascht wird. Ein trauriges und fröhliches Buch über Verlust, Heimat und Leidenschaft. Die Verfilmung von 1989 mit Ron Silver und Anjelica Huston ist ebenfalls sehenswert.



