Alfonso Pantisano (SPD), der Queer-Beauftragte des Berliner Senats, war am Samstagabend am Brandenburger Tor, als ein weißer Minivan in die Menschenmenge fuhr. Eine Frau starb, 29 Menschen wurden verletzt, einige schwer. Im Interview mit der Berliner Morgenpost schildert er die Minuten des Anschlags und seine Gedanken zur Zukunft des CSD.
Der Moment des Anschlags
„Ich war backstage an der Bühne am Brandenburger Tor zusammen mit einem Vorstandsmitglied des CSD. Wir unterhielten uns. Er hatte gerade ein Brötchen genommen, weil er den ganzen Tag kaum Zeit zum Essen gehabt hatte. Er trug ein Headset, als er kurz nach 22 Uhr eine Nachricht erhielt. Er sagte nur ‚Scheiße‘ und rannte los. Kurz darauf kam die Durchsage, dass die Veranstaltung abgebrochen wird. Sobald ich begriff, was geschehen war, griff ich sofort zum Telefon und informierte den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner. Das war nur wenige Minuten nach der Tat. Dann wurde ich gemeinsam mit allen anderen evakuiert. Alles spielte sich innerhalb von Minuten ab. Besonders danken möchte ich den CSD-Organisatoren und den vielen Freiwilligen, die uns so ruhig und professionell aus der Gefahrenzone geführt haben.“
Schock und Trauer
„Ich bin zutiefst traurig und erschüttert. Ich denke an die Opfer dieses Anschlags und an die Frau, die ihr Leben verloren hat. Aber ich denke auch daran, was das für die Hinterbliebenen bedeutet. Und natürlich an die Menschen, die die Tat mitansehen mussten. Wie alt waren sie? War es vielleicht ihr erster CSD? Welche Angst werden sie nun in ihr Leben, in ihr queeres Leben tragen? Im Moment weiß ich nicht, welche Worte ich finden kann, um ihnen zu glauben, dass es wieder besser wird.“
Auf die Frage, ob er bereits Kontakt zu den Opfern habe, antwortet Pantisano: „Es sind erst wenige Stunden seit der Tat vergangen. Ich fände es anmaßend, mich so schnell bei den Opfern zu melden. Ich habe bisher auch keine Informationen, wer sie sind. Ich versuche gerade, die Situation zu verstehen. Deshalb bin ich nach der Evakuierung in der Nähe des Tatorts geblieben. Ich wollte nicht weg. Meine Aufgabe ist es jetzt, fest an der Seite der queeren Community zu stehen und den Menschen zu versichern, dass sie sich auf uns verlassen können.“
Interpretation des Anschlags
Pantisano sieht die queere Community von vielen Seiten angegriffen: „Die queere Community wird wieder von allen Seiten angegriffen, auch von rechtsaußen. Es gibt so viel Hass und Feindseligkeit gegenüber unserer Lebensweise. Leider sind nicht nur Extremisten das Problem. Auch die Gesellschaft als Ganzes spielt eine Rolle. Wir erleben immer wieder schwere Anfeindungen von Nachbarn, Kollegen und sogar Fremden auf der Straße. Wir werden als lästig dargestellt, weil wir gleiche Rechte einfordern, als ob wir irgendwie zu viel wollten. Dabei wollen wir nur dieselben Rechte wie alle anderen. Die Menschenwürde ist unantastbar. Das sagt das Grundgesetz.“
Konsequenzen und Zukunft des CSD
Auf die Frage nach Konsequenzen meint der Beauftragte: „Es ist noch zu früh, über Konsequenzen zu sprechen. Jetzt muss unsere ganze Aufmerksamkeit den Opfern und ihren Familien gelten. Aber wir müssen auch die jungen Menschen versorgen, die in der Nähe standen und alles miterlebt haben. Die queere Community trauert, und wir müssen uns fragen, wie wir mit dieser Trauer umgehen. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass wir, egal wie viel wir für die Sicherheit tun, gegen solche Gewalt machtlos sind. Wir werden solche Ereignisse nie vollständig verhindern können.“
Ob der CSD jemals wieder derselbe sein wird, beantwortet Pantisano klar: „Der CSD war schon immer ein Ort, an dem wir auch an unsere Verstorbenen erinnern. Und ich glaube, dass jeder künftige CSD die Erinnerung an diese schreckliche Tat in sich tragen wird. Von nun an wird dieser Tag ein Tag der Trauer für die Community sein, und das wird er bleiben, wann immer wir gemeinsam für den CSD auf die Straße gehen.“
Und er fügt hinzu: „War das der letzte CSD? Ganz und gar nicht! Wir werden uns niemals davon abhalten lassen, auf die Straße zu gehen und unsere Vielfalt zu zeigen. Damit ebnen wir den Weg für junge Menschen. Sie müssen erfahren können, dass sie in Ordnung sind, so wie sie sind, dass sie geliebt werden und dass sie das Recht haben, ihr Leben so zu leben, wie sie es für richtig halten. Solange ich eine Stimme habe, werde ich sie immer dafür einsetzen, dass diese jungen Menschen sich dieses Recht weiterhin nehmen können. Ich erinnere mich noch an meinen ersten CSD vor vielen Jahren und an das Gefühl von Freiheit, das er mir gab. Ich bin jetzt 52 Jahre alt und kämpfe immer noch für die Gleichberechtigung meiner Community.“



