Nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin am 25. Juli wird im Internet ein unschuldiger Mann fälschlich beschuldigt, der Täter zu sein. Abdul Malik, ein junger Mann mit libanesischen Wurzeln, sieht sich plötzlich massiven Anfeindungen ausgesetzt, die sein Leben und das seiner Familie bedrohen. Die Polizei fahndet derweil nach dem tatsächlichen Verdächtigen, Abdul Ballout.
Wie die falsche Beschuldigung entstand
Am Abend des 25. Juli fuhr ein Täter mit einem Minivan auf dem Berliner Tiergarten in eine Menschenmenge, die den CSD feierte. Der Attentäter flüchtete, und die Ermittler veröffentlichten später ein Bild und Informationen zu Abdul Ballout als mutmaßlichem Täter. Doch schon vorher hatten viele Nutzer sozialer Medien einen anderen Namen ins Spiel gebracht: Abdul Malik. Obwohl Malik nichts mit der Tat zu tun hat, verbreiteten sich Gerüchte rasant.
Die Berliner FDP-Politikerin Karoline Preisler trug zu den Spekulationen bei, indem sie öffentlich über einen angeblichen Täter sprach, ohne den Namen explizit zu nennen. Gegenüber unserer Redaktion betonte sie: „Ich habe zu keinem Zeitpunkt einen Unbeteiligten, konkret Herrn Abdoul M., des CSD-Terroranschlags beschuldigt.“ Dennoch hatte ihre Äußerung den Effekt, dass viele Nutzer die Verbindung zu Abdul Malik herstellten.
Abdul Malik über die Vorwürfe: „Es ist die reinste Hölle“
Abdul Malik selbst erfuhr erst am Morgen nach dem Anschlag von den Anschuldigungen. Er berichtete unserer Redaktion: „Zuerst hatte ich auf TikTok eine Nachricht bekommen, dass man mich auf X beschuldigt. Ich konnte und wollte das zuerst gar nicht glauben. Als ich dann selbst auf Twitter nachgeschaut habe, habe ich dort plötzlich mein eigenes Gesicht gesehen und gemerkt, dass mir diese Tat eiskalt angehängt wird.“
Die Behauptungen, Malik sei aus Deutschland abgeschoben worden und nur für das Attentat zurückgekehrt, sind nachweislich falsch. Allerdings hatte Malik selbst auf TikTok Videos inszeniert, die eine Abschiebung und seine Rückkehr zeigten – als Experiment, um die Reaktionen der User zu testen. Die Clips enthalten teils frauenfeindliche und problematische Inhalte, machen ihn aber nicht zum Islamisten.
Leben in Angst: Die psychischen Folgen der Falschbeschuldigung
Die Anschuldigungen haben schwerwiegende Auswirkungen auf Maliks psychische Gesundheit. „Es ist die reinste Hölle und zerstört mein Leben von Minute zu Minute mehr“, sagte er. „Ich habe Todesangst vor der Zukunft. Ich weiß nicht einmal, ob ich jemals wieder in meinem Leben eine normale Arbeitsstelle finden kann oder ob mein Ruf für immer zerstört ist. Es belastet mich in wirklich jeglicher Hinsicht aufs Schwerste.“
Auch seine Familie leidet massiv: „Es geht hier nicht mehr nur um Worte im Internet – meine Familie und ich schweben aktuell in absoluter Lebensgefahr. Wir können nachts nicht mehr schlafen, wir trauen uns kaum noch vor die Tür und schauen uns bei jedem Geräusch panisch um. Der Gedanke, dass jemand wegen dieser dreisten Lügen vor unserer Tür steht und meiner Familie oder mir etwas angetan wird, zerfrisst uns körperlich und mental vollkommen.“
Aufruf zur Unterstützung: Malik veröffentlicht TikTok-Video
Um die Verleumdungen zu stoppen, veröffentlichte Abdul Malik ein Video auf TikTok, in dem er seine Unschuld beteuert und bittet, die falschen Behauptungen zu melden. „Bis jetzt ist leider erschreckend wenig passiert: Die Videos sind immer noch im Netz, obwohl sie massenhaft gemeldet wurden. Ich wünsche mir von den Plattformen, der Politik und allen Menschen im Netz einfach nur Hilfe, um diese Verleumdung endlich komplett aus der Welt zu schaffen. Ich brauche diese Unterstützung, um überhaupt wieder eine Motivation zum Leben zu finden und dem Ganzen wieder einen Sinn zu geben, weil der psychische Druck aktuell kaum noch auszuhalten ist.“
Der Fall zeigt die Gefahren von Online-Vigilantismus
Der Vorfall verdeutlicht, wie schnell unschuldige Menschen in sozialen Medien zu Zielscheiben werden können, wenn Nutzer ohne Faktenprüfung spekulieren. Die wahre Täterfahndung konzentriert sich auf Abdul Ballout, der weiterhin flüchtig ist. Die Polizei bittet die Bevölkerung um Mithilfe, warnt aber gleichzeitig vor voreiligen Schlüssen.



