Nach dem Terroranschlag am Rande des Christopher Street Days (CSD) in Berlin hat die Integrationsbeauftragte von Neukölln, Güner Balcı, vor queerfeindlichen Einstellungen in konservativen Milieus gewarnt. Sie betonte jedoch, dass solche Haltungen nicht zwangsläufig zu Gewalt führen müssten. In einem Gespräch mit der „Zeit“ erklärte Balcı, dass viele konservative Muslime das Thema Homosexualität aus ihrem privaten Leben verbannen und tabuisieren wollten. „In den Familien wird über Homosexualität gar nicht gesprochen“, sagte sie. „Für viele ist das Thema mit Angst und Scham belastet.“
Probleme in allen konservativ-religiösen Gruppen
Balcı machte deutlich, dass queerfeindliche Einstellungen nicht auf den Islam beschränkt seien. „Alle konservativ-religiösen Menschen haben ein Problem mit Homosexualität, völlig egal, um welche Religion es sich handelt“, so die Integrationsbeauftragte. Auch in der Mehrheitsgesellschaft ohne religiösen Hintergrund, etwa in ländlichen Gebieten, werde schnell die Toleranzgrenze erreicht. Entscheidend sei jedoch, ob eine solche Haltung in Bedrohung und Herabsetzung von Betroffenen münde.
„Tickende Zeitbomben“ an Schulen
Aus Balcıs Sicht ist es essenziell, zu verhindern, dass sich Milieus herausbilden, in denen es Schulen gibt, an denen fast alle Kinder entsprechende Einstellungen teilen. „Wer wie ich in einem Milieu wie Neukölln unterwegs ist und mitbekommt, wie Jugendliche dort mitunter denken, welche Art von Diskriminierung an den Schulen passiert, bekommt das Gefühl: Da laufen kleine tickende Zeitbomben herum“, sagte Balcı. Sie forderte eine stärkere soziokulturelle Durchmischung an Schulen, unabhängig davon, ob es sich um ein Dorf in Brandenburg oder einen Stadtteil in Berlin handele.
Hintergrund: Der Anschlag am CSD
Am vergangenen Samstag hatte der 21-jährige Attentäter Abdul B. mit einem Auto mehrere Menschen auf dem Weg zum CSD angefahren. Anschließend verletzte er – vermutlich mit einer Machete – weitere Menschen. Bei dem Angriff kam eine Frau ums Leben, 31 Menschen wurden verletzt, sieben von ihnen schwer. Der Islamist wurde am Sonntagabend von Polizisten erschossen. Nach einem Bericht der „Berliner Morgenpost“ war Abdul B. bereits als junger Schüler mit aggressivem Verhalten aufgefallen.



