Der Berliner Schriftsteller Ozan Zakariya Keskinkılıç, der sich selbst als queer und Muslim identifiziert, äußert tiefe Besorgnis über den Umgang mit dem Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD). In einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel kritisiert er die rasche politische Vereinnahmung des Attentats und befürchtet, dass die notwendige Trauer und Reflexion zu kurz kommen.
„Ich habe Sorge, dass nächste Woche alles wieder vergessen ist“
Keskinkılıç schreibt, dass seit dem Anschlag noch keine drei Tage vergangen seien, er aber bereits das Gefühl habe, nicht richtig trauern zu können. „Alles passiert so schnell, viel zu schnell. Statt innezuhalten und dem Schmerz Raum zu geben, überschlagen sich die Wortmeldungen“, so der Autor. Er kritisiert insbesondere rechte Stimmen, die die Tat nutzen, um Forderungen nach Abschiebungen, Entzug der doppelten Staatsbürgerschaft, Ausbau des Überwachungsstaats und Verteufelung des Islam zu erheben. Gleichzeitig beklagt er die Scheinheiligkeit jener, die von Solidarität und Schutz sprechen, während sie queeren Menschen Förderungen kürzen.
Politische Instrumentalisierung des Attentats
Der Schriftsteller sieht eine gefährliche Entwicklung: Statt das Leid der queeren Community in den Mittelpunkt zu stellen, werde das Attentat für politische Agenden missbraucht. Er fragt sich, wie ein echtes Miteinander nach einem solchen Anschlag funktionieren könne. Keskinkılıç betont, dass er als muslimischer queerer Mensch in besonderer Weise angesprochen sei, da die Täter oft eine islamistische Motivation hätten, die gegen die Vielfalt der Gesellschaft gerichtet sei. Dennoch warne er davor, alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen.
Appell für nachhaltige Solidarität
Der Autor ruft dazu auf, nicht nur am Wochenende nach dem Anschlag Solidarität zu zeigen, sondern dies langfristig zu verankern. „Ich habe Sorge, dass nächste Woche alles wieder vergessen ist“, zitiert ihn der Tagesspiegel. Er fordert eine echte Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Rassismus, die über Sonntagsreden hinausgeht. Keskinkılıç‘ Essay endet mit der Hoffnung, dass aus der Tragödie ein nachhaltiges Bekenntnis zu einer inklusiven Gesellschaft erwächst, die alle Minderheiten schützt.



