In ihrem Gastbeitrag für den SPIEGEL übt Ninve Ermagan scharfe Kritik an den Reaktionen auf den Anschlag beim Christopher Street Day (CSD). Besonders die Einordnung der Partei Die Linke sorgt bei ihr für Unverständnis: Islamisten seien demnach lediglich eine Untergruppe der Konservativen. Diese Sichtweise verharmlose eine reale Gefahr und verrate die eigenen Werte einer offenen Gesellschaft.
Islamisten als Untergruppe der Konservativen?
Ermagan bezieht sich auf Äußerungen aus dem Umfeld der Linken, die nach dem Anschlag auf die CSD-Demonstration kursierten. Dort wurde argumentiert, dass Islamisten im Grunde genommen nur eine Spielart des konservativen Lagers seien, da sie ähnlich traditionelle und autoritäre Werte verträten. Die Autorin hält diese Gleichsetzung für irreführend und gefährlich. Sie verkenne die Spezifik des islamistischen Terrors, der sich nicht allein gegen queere Menschen, sondern gegen die gesamte demokratische Grundordnung richte.
Der Angriff auf den Christopher Street Day sei kein isolierter Einzelfall, sondern Ausdruck einer ideologischen Bewegung, die Homosexualität und sexuelle Selbstbestimmung fundamental ablehne. Die Linke verliere durch ihre Verharmlosung an Glaubwürdigkeit, so Ermagan. Wer Islamisten als bloße Untergruppe von Konservativen etikettiere, mache sich mitschuldig an der Verdrängung eines Problems, das bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei.
Warum die Verharmlosung gefährlich ist
Ermagan fragt, warum es manchen in der linken und queeren Community so schwerfällt, die Gefahr klar zu benennen, die von radikalen Muslimen ausgeht. Die Antwort liege vermutlich in einem reflexhaften Antirassismus, der jegliche Kritik am politischen Islam unter Generalverdacht stelle. Aus Angst vor pauschaler Ausgrenzung würden berechtigte Sicherheitsbedenken tabuisiert. Dabei gehe es nicht um Stimmungsmache gegen Muslime, sondern um die klare Unterscheidung zwischen einer Religion und ihrer fundamentalistischen Instrumentalisierung.
Der CSD-Anschlag habe gezeigt, wie real diese Gefahr ist. Die Täter agierten im Namen einer Ideologie, die queere Menschen offen als Feindbild betrachtet. Wer dies nicht beim Namen nenne, mache es den Extremisten leicht. Insbesondere die queere Community, die selbst jahrzehntelang um Gleichberechtigung gekämpft habe, sollte sensibilisiert sein für autoritäre Strukturen – unabhängig davon, aus welcher Ecke sie kommen.
Die blinden Flecken der linken und queeren Community
Ermagan sieht in der Debatte einen tiefen Konflikt zwischen universalistischen Werten und identitätspolitischen Reflexen. Viele Linke hätten verinnerlicht, dass allein das Migrantentum oder die Religionszugehörigkeit Schutz biete vor dem Vorwurf des Rassismus. Dadurch entstünden falsche Allianzen: Man solidarisiere sich mit Gruppen, die dieselben Werte angreifen, für die man selbst einstehe. Der Shitstorm gegen diejenigen, die nach dem Anschlag die Islamismusgefahr thematisierten, sei ein Beleg für diese Fehlentwicklung.
Die Autorin fordert eine ehrliche Debatte in der linken Szene: Wer für die Rechte von LGBTIQ+ eintrete, dürfe nicht wegschauen, wenn antisemitische, homophobe oder frauenfeindliche Positionen in muslimischen Milieus toleriert würden. Aufklärung und Prävention müssten ohne Scheuklappen stattfinden. Die Frage nach der Sicherheit queerer Menschen im öffentlichen Raum dürfe nicht länger unter Vorbehalt gestellt werden.
Konsequenzen für den Kampf um offene Gesellschaft
Der Anschlag auf den CSD sei auch ein Angriff auf die gesamte Gesellschaft gewesen, so Ermagan. Doch die Reaktionen zeigten, wie tief die Verunsicherung mittlerweile sei. Wenn ausgerechnet die Linke die Bedrohung relativiere, schwäche das die Front gegen rechts ebenso wie gegen religiösen Extremismus. Eine offene Gesellschaft brauche klare Kante in alle Richtungen – gegen rechts wie gegen islamistischen Terror. Sonst drohe die gesellschaftliche Mitte weiter zu zerfasern.
Ermagan ruft ihre Leserinnen und Leser dazu auf, sich gegen jede Form von Extremismus zu stellen. Dazu gehöre auch die Bereitschaft, innerhalb der eigenen Reihen unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Der CSD-Anschlag müsse ein Weckruf sein – für die Politik, die Sicherheitsbehörden und nicht zuletzt für jene Teile der Linken, die in falsch verstandener Toleranz die Gefahr verdrängen.
Ihr Gastbeitrag endet mit der Hoffnung, dass aus der Empörung über den Anschlag eine sachlichere und mutigere Debatte entsteht – eine Debatte, die sich nicht von Ideologien blenden lasse, sondern den Schutz aller Menschen in den Mittelpunkt stelle. Nur so könne die offene Gesellschaft den Herausforderungen der Zeit begegnen.



