Seit 30 Jahren arbeitet Julia Bellabarba als Paartherapeutin. In dieser Zeit hat sie nahezu täglich Männer und Frauen vor sich sitzen, die in ihrer Beziehung nicht weiterkommen. Die Anliegen der Paare haben sich im Laufe der Jahre zwar etwas verändert, doch die grundlegenden Sorgen und Konflikte sind gleichgeblieben: wiederkehrende Streitgespräche, Affären und Vertrauensverlust, sexuelle Unzufriedenheit. In den vergangenen Jahren sind zudem Themen wie offene Beziehungen und Polyamorie hinzugekommen.
Die Herausforderung der Neutralität
In einem kürzlich veröffentlichten Beitrag schrieb eine Therapeutin, dass in Paarberatungen oft Frauen allen Grund zur Klage hätten und es ihr zunehmend schwerfalle, neutral zu bleiben. Bellabarba widerspricht dieser Haltung entschieden: „Genau das ist mein Job – neutral zu bleiben, unabhängig davon, wer im Unrecht zu sein scheint.“ Sie betont, dass die Neutralität der Therapeutin die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Paartherapie sei. Nur so könne ein sicherer Raum geschaffen werden, in dem beide Partner gehört und verstanden werden.
Die Rolle der Therapeutin
Bellabarba erklärt, dass es nicht ihre Aufgabe sei, Schuld zuzuweisen oder Partei zu ergreifen. Vielmehr gehe es darum, die Dynamik zwischen den Partnern zu verstehen und ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, um ihre Konflikte eigenständig zu lösen. „Wenn ich mich auf eine Seite stelle, verliere ich das Vertrauen des anderen Partners und die Therapie wird wirkungslos“, so die Therapeutin. Sie räumt ein, dass es manchmal schwer sei, die eigene Meinung zurückzuhalten, besonders wenn ein Partner offensichtlich verletzendes Verhalten zeigt. Doch gerade dann sei es wichtig, professionell zu bleiben und die Emotionen nicht die Führung übernehmen zu lassen.
Veränderte Themen in der Paartherapie
Neben den klassischen Konfliktthemen haben sich in den letzten Jahren neue Herausforderungen ergeben. Offene Beziehungen und Polyamorie sind häufiger gewordene Anliegen, die eine besondere Sensibilität erfordern. Bellabarba betont, dass auch hier Neutralität oberstes Gebot sei: „Ich bewerte nicht die Lebensmodelle meiner Klienten, sondern helfe ihnen, ihre eigenen Regeln und Grenzen zu finden und zu kommunizieren.“ Sie beobachtet, dass viele Paare heute unsicherer sind, was die Gestaltung ihrer Beziehung angeht, und dass der gesellschaftliche Druck, eine perfekte Beziehung zu führen, zugenommen habe.
Die Bedeutung der Selbstreflexion
Um neutral bleiben zu können, sei eine kontinuierliche Selbstreflexion der Therapeutin unerlässlich. Bellabarba praktiziert regelmäßige Supervision und tauscht sich mit Kollegen aus, um ihre eigene Haltung zu hinterfragen. „Ich muss mir meiner eigenen Vorurteile und Emotionen bewusst sein, damit sie nicht unbewusst in die Therapie einfließen“, erklärt sie. Diese professionelle Distanz sei kein Zeichen von Kälte, sondern von Respekt gegenüber beiden Partnern und ihrem gemeinsamen Prozess.
Fazit: Neutralität als Kernkompetenz
Bellabarba resümiert, dass die Fähigkeit, neutral zu bleiben, eine der wichtigsten Kompetenzen einer Paartherapeutin sei. Sie appelliert an ihre Kolleginnen und Kollegen, sich dieser Verantwortung bewusst zu sein und die Neutralität nicht leichtfertig aufzugeben. „Nur wenn wir unparteiisch bleiben, können wir wirklich helfen“, schließt sie ihren Gastbeitrag.



