Systematische Übergriffe im medizinischen Alltag
Sexismus und sexualisierte Übergriffe gegenüber Ärztinnen sind im deutschen Gesundheitswesen weit verbreitet. Betroffene berichten von anzüglichen Sprüchen, ungewollten Berührungen und beruflicher Ausgrenzung – sowohl in Krankenhäusern als auch in Praxen und auf Fachkongressen. Eine umfassende Reportage des SPIEGEL, aufgezeichnet von Tanya Falenczyk, Katharina Hölter, Franca Quecke und Markus Sutera, dokumentiert diese Vorfälle und zeigt, warum es den betroffenen Frauen so schwer gemacht wird, sich zu wehren.
„Im OP durfte ich kaum noch mithelfen“
Eine Ärztin schildert, wie sie nach einer Zurückweisung eines Oberarztes systematisch von Operationen ausgeschlossen wurde: „Im OP durfte ich kaum noch mithelfen, Oberärzte mieden mich.“ Solche Erfahrungen sind keine Einzelfälle. Viele Medizinerinnen fürchten, dass eine Beschwerde ihre Karriere gefährden könnte. Das hierarchische System in Kliniken begünstigt Machtmissbrauch und erschwert die Durchsetzung von Rechten.
Hohe Dunkelziffer und strukturelle Hürden
Die Dunkelziffer der Übergriffe ist hoch. Laut einer Studie der Bundesärztekammer haben rund 40 Prozent der Ärztinnen bereits sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. Dennoch melden nur wenige die Vorfälle. Gründe sind Angst vor Repressalien, fehlende interne Beschwerdestellen und eine Kultur des Wegsehens. Die SPIEGEL-Reportage zeigt, dass insbesondere jüngere Ärztinnen und solche in Weiterbildung betroffen sind.
Forderungen nach konsequentem Schutz
Betroffene und Expertinnen fordern daher verbindliche Schutzkonzepte, unabhängige Anlaufstellen und eine Enttabuisierung des Themas. „Es braucht eine Null-Toleranz-Politik gegenüber sexuellen Übergriffen“, sagt eine der interviewten Ärztinnen. Die Kliniken müssten ihrer Fürsorgepflicht nachkommen und sichere Arbeitsbedingungen gewährleisten. Der SPIEGEL-Artikel macht deutlich, dass ohne strukturelle Veränderungen viele Medizinerinnen weiterhin leiden werden.



