Stärkstes Beben seit 40 Jahren: Supervulkan bei Neapel bebt
Stärkstes Beben seit 40 Jahren: Supervulkan bei Neapel bebt

Heftige Erdstöße in den Phlegräischen Feldern

Das stärkste Erdbeben in den Phlegräischen Feldern seit rund 40 Jahren hat am Freitagabend die Gegend westlich von Neapel erschüttert. Wie das Italienische Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) mitteilte, erreichte das Hauptbeben eine Magnitude von 4,7. Seitdem registrierten die Forscher rund 60 Nachbeben, die meisten davon von geringer Stärke. Das kräftigste erreichte eine Magnitude von 3,1 und war noch am Samstagmorgen deutlich in Pozzuoli, Bacoli und mehreren Stadtteilen Neapels zu spüren.

Die Bilanz des Bebens: Mindestens 20 Menschen wurden verletzt, zwei davon schwer. 22 Familien mussten ihre Wohnungen verlassen. In Pozzuoli stürzte ein Teil einer Hauswand ein, große Tuffsteinblöcke begruben parkende Autos unter sich. Strom- und Wasserversorgung fielen zeitweise aus. Einsatzkräfte kontrollierten beschädigte Gebäude, während viele Bewohner aus Angst vor weiteren Erdstößen die Nacht im Freien verbrachten – in Autos, bei Verwandten oder in den eingerichteten Notunterkünften.

Pfarrer erhebt schwere Vorwürfe gegen Behörden

Mario Russo, Pfarrer der Hafenstadt Pozzuoli, richtete wenige Minuten nach dem Beben eine deutliche Kritik an die Adresse der Behörden. In einem Video in den sozialen Netzwerken sagte er: „Die Lage ist kritisch. Es gibt schwerbeschädigte Gebäude, einige sind regelrecht aufgerissen, zudem ist ein Teil des Hanges abgerutscht. Und all das geschah in völliger Einsamkeit. Erst vor etwa einer halben Stunde ist ein Fahrzeug des Zivilschutzes eingetroffen, bis dahin gab es keinerlei Hilfe. Wir sind völlig auf uns allein gestellt.“

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Auch zahlreiche Anwohner zeigten sich unzufrieden mit dem Krisenmanagement. Einige beklagten, nicht über die Notunterkünfte informiert worden zu sein. Andere kritisierten, dass erste Hilfskräfte erst rund zwei Stunden nach dem Erdbeben eingetroffen seien. Die Behörden verteilten unterdessen Trinkwasser und Hilfsgüter. Die meisten Verletzten wurden im Krankenhaus von Pozzuoli behandelt.

Rettungseinsatz und schwere Schäden

Zu den schwierigsten Einsätzen der Feuerwehr gehörte die Rettung eines 80-jährigen bettlägerigen Mannes in Pozzuoli. Weil das Treppenhaus seines Wohnhauses schwer beschädigt und unpassierbar war, brachten Spezialkräfte ihn mit einer Drehleiter in Sicherheit. Zahlreiche Bewohner riefen die Feuerwehr, weil sich ihre Wohnungstüren nach dem Beben nicht mehr öffnen ließen. Andere kehrten trotz sichtbarer Schäden kurzzeitig zurück, um Medikamente oder andere lebenswichtige Dinge zu holen. Die Feuerwehr überprüft weiterhin Gebäude und hat erste Häuser gesperrt oder räumen lassen.

Auch Touristen in Ferienwohnungen und Bed-and-Breakfast-Unterkünften waren betroffen. Die Gegend ist im Sommer wegen der Strände und der Nähe zur Amalfi-Küste ein beliebtes Urlaubsziel. Die Hafenbehörde sperrte den Kai von Pozzuoli, der Fähr- und Schnellbootverkehr zu den Inseln Ischia und Procida wurde eingestellt. Der Bahnverkehr rund um Neapel, darunter die Hochgeschwindigkeitsstrecken, kam vorübergehend zum Erliegen. Nach nächtlichen Sicherheitskontrollen ging der Betrieb mit teils mehr als sechs Stunden Verspätung wieder an. Die Bahnlinie Circumflegrea blieb wegen eines eingestürzten Mauerteils gesperrt.

Politik und Experten reagieren

Zusätzlich verursachte das Erdbeben den teilweisen Einsturz eines Hochspannungsmasts im neapolitanischen Stadtteil Agnano. Zeitweise waren rund 100.000 Stromanschlüsse ohne Versorgung; im Laufe der Nacht wurde sie schrittweise wiederhergestellt. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni verfolgt nach Angaben ihres Büros die Entwicklung der Lage. Eine nationale Kriseneinheit koordiniert die Hilfsmaßnahmen.

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Der Bürgermeister der Nachbarstadt Bacoli, Josi Gerardo Della Ragione, berichtete von Felsabbrüchen sowie Schäden an Fassaden und Putz. Unbewohnbare Häuser oder Verletzte habe es in seiner Gemeinde nach bisherigen Erkenntnissen aber nicht gegeben. Besorgt äußerte sich auch Lorenzo Benedetto, Präsident der Geologenkammer Kampaniens: „In einem geologisch komplexen Gebiet wie den Phlegräischen Feldern werden die Auswirkungen eines Erdbebens nicht nur von der Stabilität der Gebäude bestimmt, sondern auch von den geologischen und geomorphologischen Eigenschaften des Geländes. Neben baulichen Schutzmaßnahmen muss deshalb auch die geologische Gefährdung berücksichtigt werden – insbesondere lokale Verstärkungseffekte von Erdbeben und die Instabilität von Hängen, die schwerwiegende Folgen haben können, wie die heutigen Felsabbrüche zeigen.“

Supervulkan mit langer Geschichte

Ein Bewohner aus Agnano, der 70-jährige Antonio, schilderte die Erlebnisse der Nacht: „Es war unmöglich, nach dem Schrecken der vergangenen Nacht zu Hause zu bleiben. Das Beben war extrem stark und schien endlos zu dauern. Ich konnte nicht einmal die Wohnungstür öffnen, weil sie sich verklemmt hatte. Wir leben seit Jahren mit dem Bradyseismus, aber nicht in dieser Intensität. Man fragt sich, wie lange unsere Häuser solchen Belastungen noch standhalten.“ Bradyseismus bezeichnet die allmähliche Hebung oder Senkung des Bodens in vulkanischen Gebieten.

Die Phlegräischen Felder gelten als Europas größter aktiver Supervulkan. Anders als gewöhnliche Vulkane besitzen Supervulkane eine besonders große Magmakammer und das Potenzial für außergewöhnlich starke Eruptionen. Seit Jahren prägt eine anhaltende Bradyseismus-Phase mit Bodenhebungen und wiederkehrenden Erdbeben die Region. Im Großraum Neapel leben rund drei Millionen Menschen. Der Vesuv, östlich der Stadt gelegen, steht geologisch nicht in Zusammenhang mit den Phlegräischen Feldern.