Wenige Stunden vor dem tödlichen Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin hat der Vater des mutmaßlichen Täters, Abdul Ballout, mit seinem Sohn telefoniert. Das berichtet der „Spiegel“ unter Berufung auf Tawfik B., der sich im Süden des Libanon aufhält. Der 64-jährige Schiite sagt, das Gespräch sei normal verlaufen: „Er sagte, dass er mich vermisst und er sich wünschte, jetzt mit uns im Libanon zu sein.“
Vater: Familie nicht extrem religiös
Tawfik B. betont, die Familie sei „nicht extrem religiös“. Zwar trügen seine Töchter Hidschab, aber man unterstütze den „Islamischen Staat“ (IS) nicht. „Wir sind Schiiten“, stellt er klar. Der IS mit seiner radikalen sunnitischen Ausrichtung verfolgt und bekämpft Schiiten. Allerdings habe Abdul Ballout Sunniten „geliebt“, so der Vater. Schon vor einiger Zeit habe er ihn gefragt, was er vom IS halte. Abdul habe die Terrorgruppe als „schlecht“ bezeichnet.
Streit gab es laut Vater über die äußere Erscheinung des Sohnes: „Ich habe ihm nicht erlaubt, einen langen Bart zu tragen“ – offenbar sah Tawfik B. darin ein Zeichen von Extremismus. Seinen Sohn beschreibt er als „großzügig, emotional, liebevoll“ mit dem „Herz eines Kindes“. Eine Tat wie den Anschlag am Samstag hätte er ihm nicht zugetraut. „Er wurde einer Gehirnwäsche unterzogen“, sagt der Vater.
Letzte Nachricht um 21.53 Uhr
Seit dem Attentat habe er „hunderte Male“ versucht, seinen Sohn zu erreichen. „Die letzte Nachricht, die er bekommen hat, war um 21.53 Uhr, und seitdem nichts mehr.“ Kurz darauf, gegen 22 Uhr, soll Abdul Ballout mit einem gemieteten Transporter in eine Menschenmenge am Berliner Tiergarten gesteuert sein. „Seine Mutter dreht durch, auch ich habe nicht geschlafen und nichts gegessen, seit ich die Nachricht gehört habe“, berichtet der Vater.
Abdul Ballout lebte nach Angaben des Vaters mit seiner Mutter und zwei Schwestern nahe des Landwehrkanals in einem grauen Mehrfamilienhaus. Die Eltern sind geschieden. Der 21-Jährige habe die Schule bis zur zehnten Klasse besucht und danach gearbeitet, „zum Beispiel als Sicherheitsmitarbeiter oder als Fahrer“, jedoch keinen festen Job gehabt. Er habe viel geschlafen, sei erst nachmittags aufgestanden und habe die Nächte am Handy oder vor dem Fernseher verbracht.
Vorgeschichte: Festnahme und Verurteilung
Ermittlern zufolge war Ballout bereits als Jugendlicher durch Gewalt aufgefallen. Ein Jugendschöffengericht verhängte 2022 wegen Körperverletzung und räuberischer Erpressung eine jugendrichterliche Weisung. 2019 hatte er einen Jungen zusammengeschlagen, 2020 einem anderen die Kopfhörer geraubt. Nach einem erfolglosen Versuch, über die Türkei nach Mauretanien zu reisen – wo islamistische Milizen weite Gebiete kontrollieren –, versuchte er im Mai 2025 erneut über die Türkei und den Libanon nach Syrien zu gelangen, um sich dem IS anzuschließen. Im Libanon wurde er festgenommen und drei Monate inhaftiert. Als deutscher Staatsbürger nach Deutschland zurückgeführt, wurde er am Flughafen BER festgenommen und kam in Untersuchungshaft.
Am 12. Mai 2025 verurteilte ihn ein Jugendschöffengericht am Amtsgericht Tiergarten zu 22 Monaten Jugendstrafe – unter anderem wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Die Entscheidung über eine Bewährungsaussetzung wurde für sechs Monate zurückgestellt.



