Im Deutschen Kaiserreich wurde die Armee zur Nationalreligion. Nach der Reichsgründung 1871 erfasste eine Militarisierungswelle das gesamte gesellschaftliche Leben. Offiziere standen im Zentrum dieser Verehrung: Sie galten als Ideale von Männlichkeit und Disziplin. Katja Iken beschreibt in SPIEGEL Geschichte (Ausgabe 3/2026) diese Entwicklung als ein Phänomen, das die deutsche Gesellschaft bis weit ins 20. Jahrhundert prägte.
Warum die Uniform so begehrt war
Die Armee war das große Versprechen an den sozialen Aufsteiger. Wer es wagte, in den aktiven Dienst zu treten und die Laufbahn zum Offizier einzuschlagen, konnte auf ein Leben in Respekt und Wohlstand hoffen. Im Gegensatz zu den engen Grenzen der Zivilgesellschaft bot das Militär klare Hierarchien und Aufstiegsmöglichkeiten. Das attraktive Gehalt und die Aussicht auf eine Pension taten ihr Übriges. So wurde der Militärdienst für viele junge Männer zum Sehnsuchtsort – ein Ort, an dem Ehre und Pflichterfüllung noch etwas galten.
Allerdings stand nicht jedem der Weg offen. Die Zulassung zur Offizierslaufbahn war strikt geregelt: Neben der adligen Herkunft waren ein gewisses Einkommen und später auch das Abitur Voraussetzung. Das Militär reproduzierte damit die Klassenstruktur des Kaiserreichs. Die Offiziere rekrutierten sich überwiegend aus dem Adel und dem wohlhabenden Bürgertum. Diese Homogenität schweißte das Korps zusammen und festigte sein Standesbewusstsein. Aus historischen Quellen geht hervor, dass das deutsche Heer zwischen der Reichsgründung und dem Ersten Weltkrieg von rund 400.000 auf über 760.000 Soldaten anwuchs.
Ein Heer, ein Kaiser, eine Weltanschauung
Die Armee war nicht nur Soldaten, sondern auch Politik. In der Verfassung des Kaiserreichs besaß der Kaiser den Oberbefehl über die Streitkräfte, ohne dass das Parlament ihm in die Truppe hineinreden durfte. Diese sogenannte Kommandogewalt machte das Militär zu einem Staat im Staate. Offiziere mussten sich öffentlich loyal zum Herrscher bekennen; wer kritische Töne anschlug, hatte schnell das Nachsehen. So wurde die Armee zur Kaderschmiede für eine Haltung, die den Parlamentarismus verachtete.
Besonders deutlich zeigte sich dies in der Zabern-Affäre von 1913, als ein deutscher Offizier im damaligen Zabern im Elsass willkürlich gegen die Zivilbevölkerung vorging und dafür kaum bestraft wurde. Das Ereignis legte den Keil zwischen Militär und Gesellschaft bloß. Die breite Öffentlichkeit war empört, doch das Offizierskorps stellte sich geschlossen hinter den Offizier. Die Affäre wurde zum Symbol für die antidemokratische Grundhaltung des Militärs.
Vom Nährboden zur Katastrophe
Im Ersten Weltkrieg wurde der Militarismus auf die Spitze getrieben. Millionen von Soldaten zogen mit Begeisterung in den Krieg. Doch die Euphorie wich bald der Ernüchterung. Die Niederlage 1918 stürzte das Offizierskorps in eine tiefe Krise. Viele Offiziere konnten den Verlust ihrer Privilegien nicht verwinden. Sie wurden zu Stützen der nationalistischen Rechten und bereiteten ideologisch den Boden für den Nationalsozialismus. Katja Iken bringt diesen Zusammenhang in ihrem Artikel auf den Punkt: Die demokratische Verankerung der Bundeswehr ist auch eine Lehre aus dieser Vergangenheit.
Die Geschichte des Kaiserreichs zeigt, wie gefährlich eine Überhöhung des Militärischen für die politische Kultur sein kann. Die Armee als Karrieresprungbrett, Sehnsuchtsort und Treffpunkt für Antidemokraten – diese Beschreibung von Katja Iken liest sich wie ein Menetekel für die Weimarer Republik. Vor diesem Hintergrund bleibt die Bundeswehr nicht nur eine militärische, sondern auch eine demokratische Aufgabe.



