Ob „Succession“, „Downton Abbey“ oder „Bridgerton“ – Serien über Familien und Dynastien sind seit Jahrzehnten ein Garant für hohe Einschaltquoten. Das ZDF zeigt aktuell die Kostümserie „The Forsytes – Familie verpflichtet“, eine Neuverfilmung der Romane von John Galsworthy über eine wohlhabende Börsenmakler-Familie im Viktorianischen Zeitalter. Bei Netflix startet im September die zweite Staffel von „The Gentlemen“, in der eine Aristokratenfamilie mit einem Drogenimperium paktiert. Und die Historienserie „The Gilded Age“ über die Machtkämpfe zweier New Yorker Familien ist bei den Emmy-Awards als beste Dramaserie nominiert.
Warum Familienkonflikte uns fesseln
„Es gibt eine wahnsinnige Breite des Genres“, sagt Daniela Schlütz, Medienforscherin an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Von Sitcoms wie „Modern Family“ bis zu Gangster-Dramen wie „Peaky Blinders“ – für jeden Geschmack sei etwas dabei. Der Grund: Jeder Mensch ist mit Familienkonflikten vertraut. „Es geht immer um die erweiterte Familie als Urkonstellation menschlichen Zusammenlebens“, so Schlütz.
Hinter vielen Serien stehe die Frage: „Wie gehen wir miteinander um? Wie wollen wir miteinander umgehen?“ Erzählerisch werde oft ein Spannungsfeld zwischen dem Überleben der Gruppe und dem individuellen Freiheitsdrang der Familienmitglieder geöffnet.
Nostalgie und Machtspiele
Serien wie „Downton Abbey“ oder „The Crown“ bedienen eine bestimmte Stimmung: Nostalgie. Der Wunsch, in einer komplexen Gegenwart in eine vermeintlich einfachere Welt mit klaren Regeln einzutauchen, treibe viele Zuschauer an. Doch Schlütz unterscheidet zwischen Familienserien und Serien über Dynastien: „Jede Serie über eine Dynastie ist eine Familienserie, aber nicht jede Familienserie befasst sich mit Dynastien.“ Bei Dynastie-Geschichten komme ein weiterer Faktor hinzu: Macht. Sie spielten auf einer längeren Zeitachse und verhandelten Fragen von Klassengerechtigkeit und Nepotismus.
Der „Guardian“ schrieb 2025 gar von einem „Dynastycore“ – einem Boom von Serien über Familiensagas. Im selben Jahr liefen „House of Guinness“ über die Brauerei-Familie und die dritte Staffel von „The Gilded Age“ an. Auch „The Forsytes“ startete damals im britischen Fernsehen und ist nun im ZDF zu sehen.
„The Forsytes“: Konkurrenz um die Firmennachfolge
In den sechs Folgen bröckelt das harmonische Leben der Londoner Familie Forsytes, als ein Konkurrenzkampf zwischen zwei Cousins um die Firmennachfolge ausbricht. Die Matriarchin macht klar: Ein Forsyte sei jemand, der „die Wertigkeit von Aktien kennt, von Familie und Reputation“. Man dürfe Erwartungen niemals enttäuschen – ein hoher Anspruch, der zum Scheitern verurteilt ist. Genau darin liege der Reiz, sagt Schlütz: Schadenfreude über dysfunktionale Familien spiele eine Rolle. Menschen nutzten Serienfiguren zum sozialen Vergleich, vor allem wenn es ihnen richtig schlecht gehe.
„Succession“ als Paradebeispiel
Gut zu sehen ist das bei „Succession“, das von den Intrigen der Familie eines Medien-Moguls handelt. Die Serie räumte zahlreiche Emmys und Golden Globes ab. Die Familie Roy erinnert an eine Mischung aus den Trumps und der Familie von Rupert Murdoch. Die Roys sind eitel, verblendet und rachsüchtig. „Es ist bemerkenswert, eine Serie zu drehen, bei der es eigentlich keine Figur gibt, mit der man mitfühlen könnte“, so Schlütz.
Schon in den 80er-Jahren lockten Seifenopern wie „Dallas“ oder „Der Denver-Clan“ Millionen vor den Bildschirm. Grundsätzlich seien Familien- und Dynastie-Serien ein dauerhaft interessantes Angebot. Verändert habe sich vor allem der Output: Im Streaming-Zeitalter werde „unheimlich viel Content produziert“. Langlaufende Familien- und Dynastie-Serien seien ideal, weil sie besonders gut am Stück wegzugucken, kurz gesagt „bingeable“, sind.



